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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 3. Dezember 2013

DIE EISKÖNIGIN – VÖLLIG UNVERFROREN (3D, 2013)

Originaltitel: Frozen
Regie: Chris Buck und Jennifer Lee, Drehbuch: Jennifer Lee, Musik: Christophe Beck
Sprecher der Originalfassung: Kristen Bell, Jonathan Groff, Idina Menzel, Josh Gad, Santino Fontana, Alan Tudyk, Ciarán Hinds
 Frozen
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (7,7); weltweites Einspielergebnis: $1276,5 Mio.
FSK: 0, Dauer: 103 Minuten.

Arendelle ist ein glückliches kleines Märchenreich, das von einem gutherzigen Herrscherpaar regiert wird, das zwei fröhliche, hübsche Mädchen als Kinder hat. Es gibt nur ein Problem, denn ausgerechnet die Kronprinzessin Elsa hat eine angeborene "Gabe": Sie kann alles in Eis verwandeln. Das an sich wäre ja gar nicht so schlimm, dumm ist nur, daß Elsa ihre Fähigkeit nicht beherrschen kann – vor allem dann nicht, wenn sie aufgeregt ist oder sich fürchtet. Damit nichts von Elsas gefährlicher Gabe bekannt wird, verbarrikadieren König und Königin das einst so lebendige Schloß, sodaß Elsa und auch ihre kleine Schwester Anna fast ohne Kontakt zur Außenwelt aufwachsen. Die vage Hoffnung ihrer Eltern, daß Elsa lernt, mit ihren Fähigkeiten umzugehen, erfüllt sich allerdings nicht, und als eines Tages Elsas Krönung zur Königin ansteht, versucht sie nur, den Tag irgendwie zu überstehen, ohne sich zu verraten oder alles um sich herum zu Eis gefrieren zu lassen. Doch genau das geschieht natürlich, und so flüchtet die verzweifelte Elsa in die Berge, wo sie niemanden in Gefahr bringen kann. Da sie bei ihrer überstürzten Abreise aber unwissentlich ganz Arendelle in ewigen Winter versetzt hat, macht sich Anna gemeinsam mit dem wildniserfahrenen Kristoff und dessen Rentier Sven auf die Suche nach ihrer Schwester, da wohl nur sie das Königreich wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen könnte ...

Kritik:
Normalerweise sehe ich mir nur selten Zeichentrick- beziehungsweise Animationsfilme im Kino an. Dafür gibt es vor allem drei Gründe: Erstens den mittlerweile obligatorischen 3D-Aufpreis, den ich nur zähneknirschend bezahle und das auch nur bei jenen Werken, bei denen ich davon ausgehe, daß sie es wert sind (gilt natürlich gleichfalls für Realfilme). Zweitens die deutschen Synchronfassungen. Ich bin nun ganz bestimmt niemand, der sich ständig über die deutsche Synchronbranche aufregt, ganz im Gegenteil verteidige ich sie sogar, so oft ich kann, da sie bei den meisten Filmen und TV-Serien richtig gute Arbeit leistet und viel besser ist als ihr Ruf in gewissen Kreisen (die gerne vergessen, daß Synchronfassungen in erster Linie für Zuschauer gemacht werden, die das Original nicht kennen, weshalb beispielsweise die Sprecher-Auswahl auch nicht zwangsläufig so identisch wie möglich zur Vorlage, sondern schlicht und ergreifend in sich stimmig sein muß). Bei Animationsfilmen hat es sich in Deutschland aber irgendwann eingebürgert, daß immer weniger Profi-Synchronsprecher eingesetzt werden und stattdessen lieber wesentlich besser vermarktbare TV-Comedians. Das funktioniert manchmal gut (Otto Waalkes in den "Ice Age"-Filmen, auch Bastian Pastewka, Anke Engelke oder Rick Kavanian beherrschen ihr Sprecher-Handwerk), nervt oft aber tierisch. Auch der dritte Grund hängt mit der Synchronisation zusammen und kommt vor allem bei Disney-Filmen zum Tragen, denn in denen gibt es traditionell zahlreiche Songs – und die klingen auf Deutsch erstens schon wegen der Übersetzung oft holprig und zweitens auch noch ziemlich steril, weil gerne nur für die Gesangsparts professionelle Sänger engagiert werden, während im Original in aller Regel die "normalen" Sprecher auch singen. Damit sind die Lieder in der deutschen Fassung zwar meist gesangstechnisch auf höherem Niveau, aber dafür kommen sie im Original viel sympathischer und authentischer rüber. Da mein Stammkino "Die Eiskönigin" auch in der Originalfassung zeigt, habe ich die Gelegenheit genutzt, meine Rezension bezieht sich also ausdrücklich nur auf diese. Immerhin beschränkt sich die deutsche Version in Sachen Komiker auf Hape Kerkeling, der den Schneemann Olaf spricht (und das vermutlich gut macht), aber wie üblich haben gleich drei Hauptfiguren zwei verschiedene deutsche Stimmen – eine für die Dialoge, eine für die Songs.

Damit aber genug der langen Vorrede und hinein in die eigentliche Kritik: "Die Eiskönigin – Völlig unverfroren" (der dämlich deutsche Untertitel mußte wohl wieder mal sein ...) ist inspiriert von Hans Christian Andersens (u.a. bereits als TV-Zweiteiler mit Bridget Fonda verfilmtes) Märchen "Die Schneekönigin" und erzählt eine nette, kindgerechte Geschichte mit Botschaft, die mit teilweise wirklich tollen Songs garniert wird. Vor allem der erste Akt, der im Grunde genommen sehr ausführlich die Vorgeschichte der eigentlichen Handlung erzählt, ist ein wahrer Genuß, der mit seiner kunstvollen Erzähltechnik, einer eindrucksvollen Animation, viel Gefühl und Humor sowie Ohrwürmern wie "Frozen Heart", "Do You Want to Build a Snowman?" oder "Let It Go" qualitativ durchaus an die beliebtesten Disney-Meisterwerke heranreicht. Leider werden diese Qualitäten im Verlauf der "Gegenwartshandlung" nicht gehalten. Die Story verfällt in arg konservative Erzählmuster und gipfelt schließlich in einer (einigermaßen) überraschenden Wendung, die zwar viele Zuschauer tatsächlich zu schockieren scheint, dramaturgisch aber unnötig wie ein Kropf ist. Überhaupt vergibt "Die Eiskönigin" die Chance, tatsächlich einmal in einem Animationsfilm eine Geschichte ohne echten Bösewicht zu erzählen, obwohl das dank Elsas ambivalenter Rolle recht problemlos möglich gewesen wäre. "Die Eiskönigin" funktioniert zugegebenermaßen auch so, aber dadurch, daß der Film sich nach dem ersten Drittel freiwillig auf ausgetretene Storypfade begibt, verspielt er fast seine gesamte Originalität.

Den Kindern, die sicherlich noch immer das Kernzielpublikum von Disney darstellen, wird das vermutlich herzlich egal sein, ebenso wie einige unlogische beziehungsweise unglaubwürdige Storyelemente. Und natürlich ist es auch kein Beinbruch, wenn etwa Anna vor ihrem Versuch, Elsa aufzuspüren, die Verantwortung über das Königreich einem fremden Prinzen überläßt, den sie erst wenige Stunden kennt, obwohl Anna erstens gar nicht die Befugnisse dafür hat und zweitens in der Realität wohl kaum alle hohen Beamten und Militärs widerspruchslos damit einverstanden wären; oder daß Kristoff sich trotz seiner großen Erfahrung in den Bergen im Nu von Anna überreden läßt, mitten in der Nacht aufzubrechen und mit ihrem Schlitten durch den unwegsamen, gefährlichen Gebirgswald zu rasen. Aber gerade wenn man weiß, daß es Filmemacher wie die des japanischen Studio Ghibli ("Chihiros Reise ins Zauberland", "Das wandelnde Schloß") oder bis zu einem gewissen Grad auch von Pixar ("WALL*E") gibt, die auch ihre erwachsenen Zuschauer ernst nehmen und im Normalfall nicht mit solch sorglosen Detailfehlern konfrontieren, dann ist es schon ärgerlich, daß Disney das nicht zu kümmern scheint. Eine extrem unlogische Szene mit einem explodierenden Holzschlitten (!) darf man hingegen wohl getrost als witzige Anspielung auf die unzähligen explodierenden Autos der Hollywood-Geschichte verbuchen. Darüber hinaus gibt es ganz zum Schluß wenigstens noch einen sehr gelungenen Twist rund um den Märchenklassiker von der "wahren Liebe", der dann doch wieder mit den diversen Storymängeln versöhnt.

Aber ich will auch nicht zu viel über die Handlung meckern, auch wenn sie definitiv besser hätte sein können und sollen. Dafür sind die wichtigsten Figuren sehr liebevoll gezeichnet und mit oft pfiffigen Dialogen ausgestattet, die von perfekt besetzten Sprechern erstklassig vorgetragen werden. Vor allem Kristen Bell (TV-Serie "Veronica Mars") ist als gutherzig-naive Anna wahrlich zauberhaft und harmoniert wunderbar mit Jonathan Groff (TV-Serie "Glee"), der ihr als kerniger Naturbursche Kristoff in nichts nachsteht. Auch beider Songvortrag ist sehr gelungen (was nicht allzu sehr verwundert, schließlich haben beide Musical-Erfahrung), noch übertroffen werden sie in dieser Hinsicht jedoch von Broadway-Star Idina Menzel (spielte u.a. in "Wicked", "Rent" und "Hair"), deren Gesang vor allem bei "Let It Go" schon beinahe gänsehauterzeugend ist. Auch abseits der Lieder ist die von Christophe Beck ("Crazy, Stupid, Love.") komponierte gefühlvolle Musik übrigens sehr gelungen (der Abspann-Song, eine von Demi Lovato vorgetragene Dance-Version von "Let It Go", nervt dagegen so sehr, daß er mir sogar den Kauf des Soundtracks verleidet). Für den Humor sind vorrangig zwei Nebenfiguren zuständig: Favorit der Kinder im Publikum dürfte der dank Elsas Magie lebendige Schneemann Olaf sein, noch besser hat mir persönlich jedoch Kristoffs stummes, aber dafür unfaßbar knuffiges Rentier Sven gefallen. Die Disney-Marketingabteilung dürfte sich jedenfalls über sehr hohe Verkaufszahlen der Stofftiere zum Film freuen.

Auch optisch kann "Die Eiskönigin" technisch voll und ganz überzeugen, selbst die 3D-Effekte (deren Einsatz ich generell bekanntlich eher skeptisch sehe) sind ganz nett. Allerdings kann ich auch nicht umhin zu bedauern, daß Disney von handgemachten Zeichentrickfilmen auf computergenerierte Animationsfilme umgestiegen ist. So schön die winterliche Szenerie von "Die Eiskönigin" auch ist, die Figuren sehen einfach künstlicher, steriler aus, wirken zu perfekt ebenmäßig und ähneln sich viel zu sehr. Wenn man das etwa mit Zeichentrick-Schneewittchen oder anderen klassischen Figuren aus der Disney-Geschichte vergleicht, dann wirken diese weit wärmer und haben mehr Persönlichkeit und Individualität. Zumindest bilde ich mir das ein, aber vielleicht ist das ja auch einfach nur Geschmacks- oder Gewöhnungssache. Abschließend soll nicht unerwähnt bleiben, daß es nach dem fast zehnminütigen Abspann noch einen sehr witzigen Gag in Textform und eine kurze zusätzliche Szene gibt.

Fazit: "Die Eiskönigin – Völlig unverfroren" ist ein weitgehend typischer Disney-Animationsfilm, der mit technischer Brillanz, rasanter und humorvoller Erzählweise sowieso großartigen Songs und (Original-)Sprechern voll überzeugt, in Sachen Handlung aber nach einem starkem Auftakt zu sehr ins Gewöhnliche verfällt.

Wertung (der Originalfassung): 7,5 Punkte.

GET A HORSE! (2D/3D, 2013):
Ein echtes Schmankerl gibt es zudem als Vorfilm: "Get a Horse!" ist ein sechsminütiger Micky Maus-Kurzfilm, der Vergangenheit und Gegenwart von Disney geschickt miteinander verwebt. Dies geschieht, indem der von Hand in Schwarz-weiß gezeichnete 2D-Micky bei dem Versuch, Minnie vor Bösewicht Kater Karlo zu retten, gewissermaßen durch die Leinwand in den Kinosaal geschleudert wird, wo er plötzlich bunt, computergeneriert und dreidimensional ist. Eine wirklich tolle Idee, die technisch hervorragend umgesetzt wurde und auch dank starker Slapstick-Elemente und dem Spiel mit den Dimensionen richtig Spaß macht.
Wertung: 9 Punkte.

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