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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 4. Oktober 2013

RUSH – ALLES FÜR DEN SIEG (2013)

Regie: Ron Howard, Drehbuch: Peter Morgan, Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Daniel Brühl, Chris Hemsworth, Alexandra Maria Lara, Olivia Wilde, Pierfrancesco Favino, Natalie Dormer, Christian McKay, David Calder, Stephen Mangan, Julian Rhind-Tutt, Tom Wlaschiha, Augusto Dallara, Alistair Petrie, Ilario Calvo, Jamie Sives, James Norton
 Rush
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $90,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 123 Minuten.

In den 1970er Jahren, als in der Formel 1 noch im Durchschnitt pro Saison zwei Fahrer bei Rennunfällen sterben, gehen zwei sehr unterschiedliche Männer mit ähnlichem Hintergrund (beide entstammen der Oberschicht und werden von ihrer Familie für ihre Berufswahl, vorsichtig formuliert, nicht gerade beglückwünscht) ihren Weg in Richtung WM-Titel: der schillernde Engländer James Hunt (Chris Hemsworth, "Thor") und der introvertierte Österreicher Niki Lauda (Daniel Brühl, "Inglourious Basterds"). Hunt ist ein Sonnyboy, der das Leben, die Frauen und das Rennenfahren liebt – ein Favorit der Zuschauer und Medien. Lauda dagegen arbeitet wie ein Besessener an seinen fahrerischen Fähigkeiten und zeigt zudem schon früh ein erstaunliches Verständnis für die Funktionsweise der Rennwägen, die er aktiv verbessert. Er fährt nach eigener Aussage nur deshalb Rennen, weil das alles ist, was er kann, nicht aus Leidenschaft für den Sport. Lauda ist hart zu sich selbst und zu anderen und selbst bei seinen Mechanikern nicht gerade beliebt – der krasse Gegenentwurf zum Draufgänger Hunt, mit dem er auf und abseits der Strecke immer wieder aneinandergerät. Ihren dramatischen Höhepunkt findet die Rivalität der beiden Männer in der Saison 1976, in der sich Titelverteidiger Lauda im Ferrari des immer stärker aufkommenden Hunts erwehren muß, der einen Platz bei McLaren ergattern konnte und damit erstmals in einem wirklich siegfähigen Auto sitzt ...

Kritik:
Im Laufe der Jahrzehnte hat Hollywood einige Autorennfilme fabriziert, von denen ein paar sogar ziemlich gut sind – allen voran John Frankenheimers "Grand Prix" (1966) mit James Garner und Lee H. Katzins "Le Mans" (1971) mit Steve McQueen. Abseits der gelungenen Rennszenen konnten diese Filme allerdings kaum mit großartigen Geschichten oder vielschichtigen Figuren begeistern. Der britische Drehbuch-Autor Peter Morgan, OSCAR-nominiert für "Die Queen" und "Frost/Nixon", wollte das unbedingt ändern und tüftelte über Jahre hinweg auf eigene Faust an einem Skript über die legendäre Rennfahrer-Rivalität zwischen James Hunt und Niki Lauda. Hollywood hatte daran kein Interesse, schließlich ist die Formel 1 in den USA nicht wirklich populär. Aber Morgan konnte mit seinem Drehbuch zunächst Paul Greengrass ("Die Bourne Verschwörung") für die Regie gewinnen, dann, nachdem dieser wegen Terminüberschneidungen absprang, seinen "Frost/Nixon"-Regisseur Ron Howard ("A Beautiful Mind"), und schließlich auch genügend unabhängige Geldgeber, um die Produktion anzugehen. So mußte Howard mit so wenig Geld wie seit den Anfängen seiner Hollywood-Karriere nicht mehr auskommen ($38 Mio.), was ihn aber nicht davon abhielt, einen richtig guten, wahrscheinlich sogar den bisher besten Rennfahrerfilm überhaupt zu drehen.

Allerdings ist "Rennfahrerfilm" keine vollkommen richtige Kategorisierung, denn wenngleich der Rennsport zwangsläufig eine große Rolle spielt und Howard mit seinem gleichfalls OSCAR-gekrönten Kameramann Anthony Dod Mantle ("Slumdog Millionär") viele aufregend inszenierte Rennszenen schuf – denen man übrigens nicht ansieht, daß einige der Rennautos aufwendige Nachbauten sind und andere computergeneriert –, geht es doch eigentlich um die Rivalität zweier vollkommen gegensätzlicher Sportler. Hunt und Lauda, ihre Reibereien, aber auch ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und Arbeitseinstellungen stehen so eindeutig im Mittelpunkt von "Rush", daß das Sportelement darob immer wieder in den Hintergrund rückt – manchmal sogar etwas zu sehr, denn eine stärkere Einordnung der gezeigten Rennen in das Gesamtbild, auch eine stärkere Einbindung der anderen Rennfahrer (die außer Laudas Rennstall-Kollege Clay Regazzoni kaum eine Rolle spielen), wäre manchmal schon nett.

Chris Hemsworth ist übrigens nur nominell der Hauptdarsteller dieser Produktion, weil er nun einmal ein Hollywood-Star ist, während der gebürtige Spanier Daniel Brühl außerhalb der deutsch- und spanischsprachigen Regionen nur echten Filmfreaks ein Begriff ist. In Wirklichkeit ist es jedoch Lauda, dessen Geschichte den Film trägt. Das ist kein Wunder, schließlich ist Lauda der interessantere Charakter mit der spannenderen Lebensgeschichte (sein schlimmer Unfall am Nürburgring spielt in "Rush" natürlich auch eine wichtige Rolle). Dennoch hatte ich vor allem in der ersten Filmhälfte mitunter das ungute Gefühl, daß James Hunt durch die nicht allzu sympathische Charakterisierung Unrecht getan wird – schließlich ist Hunt schon 1993 verstorben und kann sich nicht mehr wehren, wohingegen Lauda dem Filmteam (vor allem Daniel Brühl) beratend zur Seite stand. Ganz konnte ich diesen Verdacht bis zum Ende zwar nicht abstreifen, aber in der zweiten Hälfte wird Hunt auf jeden Fall zu einer vielschichtigeren Figur, die Chris Hemsworth die Gelegenheit gibt, einen gewissen charakterlichen Wandel vom oberflächlichen Playboy hin zu einem sportlich und menschlich (etwas) gereiften Rennfahrer darzustellen. Eine Gelegenheit, die der blonde Australier gekonnt und energetisch nutzt. Lauda dagegen bleibt stets, wer er ist, doch da dieser unangepaßte, arrogante Getriebene mit dem spröden österreichischen Charme von Beginn an interessant ist, reicht das vollkommen aus, damit Brühl sein ganzes Können ausspielen kann. Denn das tut er, und seine Verwandlung in Niki Lauda – den jeder Rennsportfan in Deutschland und Österreich vor allem durch seine langjährige Tätigkeit als Formel 1-Experte im Fernsehen in- und auswendig kennt – ist wahrlich beeindruckend. Zwar ist sein österreichischer Dialekt zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig (und da ich mich mit Dialekten nicht sonderlich auskenne, kann ich nicht beurteilen, wie gut er wirklich getroffen ist), aber in Sachen Mimik und Gestik glaubt man schnell, tatsächlich den jungen Lauda zu sehen. Kein Wunder, daß Brühl als Mitfavorit für den Nebenrollen-OSCAR gilt (auch wenn er eigentlich Hauptdarsteller des Films ist).

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß die Zeichnung Hunts und Laudas nicht frei von Klischees ist. Inwieweit genau die vielleicht tatsächlich zutreffen mögen, das kann wohl nur beurteilen, wer die beiden Sportler persönlich kennt oder kannte. Aber die Gegensätzlichkeit der beiden wirkt mitunter schon ein wenig so, als wäre sie aus dramaturgischen Gründen konstruiert beziehungsweise überspitzt. Daß genau das der Fall ist, gibt Autor Peter Morgan auch offen zu, und es funktioniert einwandfrei. Das nicht allzu originelle Storygerüst erinnert dabei phasenweise stark an Sylvester Stallones eher mißglückten Genreversuch "Driven" aus dem Jahr 2001, doch da "Rush" über einen besseren Autor verfügt, ist die Ausarbeitung wesentlich feinfühliger und anspruchsvoller. Die Frauenrollen allerdings – Alexandra Maria Lara ("Der Untergang") als Laudas Ehefrau und Olivia Wilde ("Tron: Legacy") als Hunts – bleiben die gesamten zwei Stunden über Randfiguren.

Fazit: "Rush – Alles für den Sieg" ist zu gleichen Teilen aufregender, spektakulär inszenierter Rennfilm und gelungenes (wenn auch nicht ganz klischeefreies), leidenschaftlich gespieltes Charakterportrait zweier ungleicher Rivalen. Keineswegs nur für Motorsportfans zu empfehlen.

Wertung: 8 Punkte.


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