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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 16. Januar 2013

THE SESSIONS – WENN WORTE BERÜHREN (2012)

Regie und Drehbuch: Ben Lewin, Musik: Marco Beltrami
Darsteller: John Hawkes, Helen Hunt, William H. Macy, Moon Bloodgood, Adam Arkin, Annika Marks, W. Earl Brown, Robin Weigert, Rhea Perlman, Rusty Schwimmer, Blake Lindsley, Ming Lo, Jennifer Kumiyama
 The Sessions
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $10,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 96 Minuten.

Mark O'Brien (John Hawkes, "Winter's Bone") ist in seiner Kindheit an Polio erkrankt und seitdem größtenteils an eine "eiserne Lunge" gefesselt, die ihm das Atmen ermöglicht. Nur wenige Stunden pro Tag kann er diese Konstruktion verlassen, was er unter anderem dazu nutzt, seinen Universitätsabschluß zu machen und als Schriftsteller Geld zu verdienen – sehr passend, schließlich ist sein Kopf das einzige Körperteil, das vollständig funktioniert und das er auch eigenständig bewegen kann. Zwar ist Mark nicht im eigentlichen Sinne gelähmt, denn er kann sehr wohl am ganzen Körper etwas empfinden; doch kann er sich nicht selbst bewegen, da seine Muskeln viel zu schwach sind. Als er von seiner Verlegerin das Angebot bekommt, einen Artikel über Sex bei Körperbehinderten zu verfassen, wächst in Mark angesichts der Interviews, die er mit Betroffenen führt, die sehr freizügig von ihren sexuellen Erfahrungen berichten, die Sehnsucht, selbst zum ersten Mal in seinem 38 Jahre andauernden Leben die körperliche Liebe zu erfahren. Nach einer Ermutigung durch den freundlichen Pfarrer Brendan (William H. Macy, "Fargo"), der den gläubigen Mark überzeugt, daß in diesem Fall Gott sicher nichts gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr hätte, wendet er sich an die Sexualtherapeutin Cheryl (Helen Hunt, "Besser geht's nicht"), die ihre Patienten als "Ersatzpartnerin" in die Welt der körperlichen Liebe einführt ...

Kritik:
Mark O'Brien existierte wirklich, 1990 veröffentlichte er im US-Magazin "The Sun" den Artikel "On Seeing a Sex Surrogate", in dem er seine Erfahrungen mit der Sexualtherapeutin schildert. Dem in Polen geborenen und in Australien aufgewachsenen Drehbuch-Autor und Regisseur Ben Lewin diente dieser Artikel (den man übrigens kostenlos online lesen kann) 13 Jahre nach O'Briens Tod als Vorlage für seine einfühlsame Tragikomödie "The Sessions".

Die Art, in der Lewin in seinem unabhängig produzierten Film Marks Erlebnisse schildert, ist zuallererst von tiefer Empathie und Warmherzigkeit geprägt. Vor allem die erste Hälfte des gut 90 Minuten langen "The Sessions" ist ungemein unterhaltsam geraten, denn Marks zögerliche Annäherung an die Thematik und seine herrlich unverkrampften Gespräche mit dem tapferen Pater Brendan sprühen vor feinem Humor, ohne sich je über die Figuren lustig zu machen oder sie nicht ernstzunehmen. Auch die ersten, von kleineren Rückschlägen gezeichneten Treffen mit der Therapeutin Cheryl, die Mark erst einmal geduldig seine Schüchternheit und seine Selbstzweifel austreiben muß, sind zugleich ernst- und humorvoll inszeniert. Die Chemie zwischen den beiden ausgezeichneten Darstellern John Hawkes und Helen Hunt ist vorzüglich, Lewins unprätentiöse und gerade im Vergleich zu den üblichen Hochglanz-Sexszenen, die man aus Hollywood gewöhnt ist, betont realistische Inszenierung erfrischend. Hier werden eben nicht zwei begehrte Sexsymbole buchstäblich im besten Licht gezeigt, sondern ein körperlich beeinträchtigter Mann von eher mittelmäßigem Aussehen und eine knapp 50-jährige Frau, der man – ohne uncharmant klingen zu wollen – ihr Alter durchaus ansieht.

Unglücklicherweise kann die zweite Filmhälfte da qualitativ nicht mehr ganz mithalten. Man merkt irgendwann, daß die grundsätzliche Story doch etwas dünn ist, um einen ganzen Film zu tragen, und so baut Lewin einige arg klischeehafte Elemente ein, die in O'Briens Artikel nicht vorkommen – beispielsweise Cheryls eifersüchtigen Ehemann (Adam Arkin, "A Serious Man"). Das funktioniert nicht so richtig, außerdem beginnen selbst die "Sitzungen" von Mark und Cheryl sich irgendwann etwas in die Länge zu ziehen. Auch ist der gesamte Film seltsam konfliktscheu. Offensichtlich ging es Ben Lewin fast ausschließlich um das Kernthema "Behinderung und Sexualität", dennoch wirkt es etwas irritierend, daß die sonstigen Probleme, die mit Marks fataler Krankheit einhergehen, kaum berührt werden. Er begegnet noch nicht einmal Personen, die ein echtes Problem mit seinem Zustand haben, was in der Realität körperlich behinderter Personen leider anders aussehen dürfte. Stattdessen sind fast alle Figuren des Films herzensgut oder schlimmstenfalls etwas ruppig und minimal unsensibel. Das soll nicht heißen, daß die Nebenfiguren schlecht gezeichnet oder überflüssig wären, ganz im Gegenteil gelingt es Lewin sogar, einige von ihnen in nette, kleine Nebenhandlungsstränge zu verwickeln. Das Problem ist nur: Ob Pater Brendan, Pfleger Rod (W. Earl Brown), Pflegerin Vera (Moon Bloodgood, "Terminator: Die Erlösung") oder Marks große Liebe Amanda (Annika Marks), sie alle sind dermaßen sympathisch, daß es in dieser Häufung fast schon wieder unglaubwürdig ist. So zynisch das auch klingen mag ...

Schauspielerisch tragen erwartungsgemäß vor allem John Hawkes und Helen Hunt den Film, die beide mit einer Golden Globe-Nominierung belohnt wurden, Hunt sogar mit ihrer zweiten OSCAR-Nominierung. Wobei es allerdings etwas ungerecht ist, daß Hawkes von der Academy übergangen wurde, denn so gut Hunt ihre durchaus mutige, da sehr freizügige Rolle auch verkörpert, Hawkes' darstellerische Leistung ist sogar noch besser. Die Nebendarsteller wurden ebenfalls sehr gut gecastet, wobei vor allem William H. Macy als bodenständiger Pfarrer glänzen kann.

Fazit: "The Sessions – Wenn Worte berühren" ist eine einfühlsame und sehr optimistische Tragikomödie, die ein schwieriges Thema unverkrampft und mit zwei starken Hauptdarstellern in Szene setzt, dabei aber etwas konfliktscheu wirkt und sich im Verlauf der zweiten Hälfte ein wenig zu sehr in Klischees verfängt.

Wertung: 7 Punkte.


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