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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 30. Oktober 2012

DIE VERMESSUNG DER WELT (3D, 2012)

Regie: Detlev Buck, Drehbuch: Daniel Kehlmann, Daniel Nocke und Detlev Buck, Musik: Enis Rotthoff
Darsteller: Albrecht Abraham Schuch, Florian David Fitz, Jérémy Kapone, Vicky Krieps, Michael Maertens, Katharina Thalbach, Sunnyi Melles, David Kross, Karl Markovics, Michael Schenk, Max Giermann, Aaron Denkel, Mercedes Jadea Diaz, Peter Matić, Sven Regener, Detlev Buck, Leander Haußmann, Daniel Kehlmann
 Die Vermessung der Welt
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: -; weltweites Einspielergebnis: $7,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 123 Minuten.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert begegnen sich der forsche adlige Offizierssohn Alexander von Humboldt und der aus armen Verhältnissen stammende Carl Friedrich Gauß als Minderjährige beim Herzog von Braunschweig (Michael Maertens), der dem begabten Gauß ein Stipendium gewährt und auch den einige Jahre älteren Humboldt in seinen wissenschaftlichen Ambitionen unterstützt. Als Erwachsener entwickelt sich Gauß (Florian David Fitz, "Vincent will Meer") zu einem brillanten Mathematiker, während Humboldt (Newcomer Albrecht Abraham Schuch) ab der Jahrhundertwende ferne Länder vor allem in Südamerika bereist und erforscht und sich zu einem in der Heimat gefeierten Universalgelehrten entwickelt. Obwohl die beiden Männer ihrem Wissensdrang in gänzlich unterschiedlicher Art und Weise folgen und auch sonst wenige Gemeinsamkeiten haben, sind sie sich im Kern ihren Wesens doch erstaunlich ähnlich – was sich auch darin manifestiert, daß sie ihrer Arbeit alles unterordnen, selbst Familie, Freunde und Geliebte ...

Kritik:
Als Daniel Kehlmann im Jahr 2005 seine fiktive Doppelbiografie zweier Ikonen der deutschen Wissenschaft veröffentlichte und damit einen globalen Bestseller schuf, war die vorherrschende Meinung, daß "Die Vermessung der Welt" angesichts der unkonventionellen narrativen Struktur unverfilmbar sei. Detlev Buck, als Komödienregisseur für Werke wie "Männerpension" oder "Karniggels" bekannt und beliebt, wagte etwa zur gleichen Zeit den Schritt hin zu ernsteren Stoffen wie dem Berliner Sozialdrama "Knallhart" oder der ungewöhnlichen Liebesgeschichte "Same same but different". So ist es wohl nur folgerichtig, daß er sich auch die Filmrechte von Kehlmanns Roman sicherte und den Autor schließlich sogar davon überzeugen konnte, sich am Drehbuch – das sich zwangsläufig recht deutlich von der Vorlage unterscheidet – zu beteiligen und als Erzähler des (für deutsche Verhältnisse) aufwendig produzierten 3D-Films zu fungieren. Die Voraussetzungen für einen künstlerischen und kommerziellen Erfolg waren also durchaus gegeben; der fertige Film weckt jedoch zwiespältige Gefühle.

Ein schwerwiegendes Problem stellt bereits die arg oberflächlich wirkende Beschreibung des Wirkens der beiden großen Gelehrten dar. Das ist bei einem 120-Minüter, der sich gleich zweier historischer Größen der Wissenschaft annimmt und deren größtenteils getrennt voneinander stattfindende Erlebnisse in zwei ständig hin und her wechselnden Erzählsträngen schildert, zugegebenermaßen schwer zu vermeiden; was es aber nicht weniger bedauernswert macht. Der Film – manche sagen, beim Buch sei es nicht viel anders – wird den realen Forschern Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt und ihren bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen einfach nicht im Ansatz gerecht. Zwar offenbaren die beiden Hauptfiguren durchaus eine ordentliche Tiefe und wirken, wenn auch entsprechend der Buchvorlage nicht sehr sympathisch, so doch zumindest ziemlich authentisch. Vor allem die Entdeckungsreisen Humboldts gemeinsam mit dem französischen Botaniker Bonpland (Jérémy Kapone, "Livid", "LOL (Laughing Out Loud)") werden jedoch dermaßen vage und skizzenhaft abgehandelt, daß ihre historische Bedeutung kaum nachvollziehbar ist. Buck konzentriert sich in diesem in Ecuador mit zahlreichen indigenen Laiendarstellern gedrehten Handlungsstrang lieber auf fraglos beeindruckende Naturaufnahmen, mit denen der international renommierte Kameramann Slawomir Idziak ("Black Hawk Down", "Harry Potter und der Orden des Phoenix") sein Können beweisen kann und in denen auch der 3D-Einsatz zur Geltung kommt. Optisch und ansatzweise auch thematisch erinnert der Humboldt-Teil von "Die Vermessung der Welt" an Roland Joffés Klassiker "Mission" aus dem Jahr 1986 mit Jeremy Irons und Robert De Niro, inhaltlich könnte der Unterschied zu dessen Komplexität kaum größer sein.

Erstaunlicherweise funktioniert der Gauß-Erzählstrang trotz der auf den ersten Blick weitaus unspektakuläreren Prämisse besser. Obwohl Gauß' mathematische Erkenntnisse naturgemäß schwieriger zu vermitteln sind als Humboldts Entdeckungen am anderen Ende der Welt und vermutlich ein Großteil des Publikums ähnlich viel von seinen Erläuterungen versteht wie seine Umwelt im Film, gelingt es Buck und Darsteller Florian David Fitz, den Enthusiasmus des kauzigen Wissenschaftlers gut zu vermitteln. Sehr viel tiefer dringt Buck allerdings auch hier nicht in die Materie ein, stattdessen rückt schnell die Liebesgeschichte zwischen Gauß und der hübschen Johanna (die Luxemburgerin Vicky Krieps, "Anonymus") in den Vordergrund. Da diese noch weiter von der eigentlichen Thematik der Geschichte ablenkt, ist das theoretisch zwar eher ärgerlich, innerhalb des Films funktioniert es aber gut und läßt den ansonsten so unnahbaren Gauß menschlicher wirken.

Obwohl Kehlmann als erfrischend lakonischer Erzähler die beiden Handlungsstränge geschickt miteinander verbindet, ist außerdem ein sehr flacher Spannungsbogen unübersehbar. Sowohl Humboldt als auch Gauß forschen mehr oder weniger in einem langen ruhigen Fluß vor sich und entdecken regelmäßig etwas, aber echte Höhepunkt fehlen. Rund 100 Minuten lang schlängelt sich die Geschichte auf diese Weise ihrem Ende entgegen, durchaus gefällig und gelegentlich durchzogen von einer trockenen, mitunter absurden Komik, aber auch immer wieder am Rande der Langeweile. Lediglich die finalen 20 Minuten, in denen die beiden deutlich gealterten Forscher bei einem von Humboldt organisierten Naturforscherkongreß erstmals richtig aufeinandertreffen, stechen ein wenig aus dem sonstigen Einerlei hervor. Hier stimmen endlich auch die Dialoge, die ansonsten oft unerklärlich hölzern und steif wirken. Und damit auch die Darsteller vor eine nicht zu unterschätzende Herausforderung stellen.

Etliche deutsche Kritiker sind bei der Beurteilung der Leistungen der beiden Hauptdarsteller wenig gnädig gewesen, doch meiner Ansicht nach machen sowohl Florian David Fitz als auch Albrecht Abraham Schuch ihre Sache insgesamt ordentlich. Sie können nicht wirklich glänzen und Fitz klingt als alter Gauß leider viel zu jung (Schuch bekommt das deutlich besser hin), aber man nimmt ihnen ihre Rollen ebenso ab wie Jérémy Kapone und Vicky Krieps als die beiden Hauptbezugspersonen der Wissenschaftler. Was aber beileibe nicht auf jeden Nebendarsteller zutrifft. Die haben allerdings schon deshalb einen besonders schweren Stand, weil viele der Nebenfiguren dermaßen übertrieben und unglaubwürdig gezeichnet sind, daß sie wie bloße Karikaturen wirken. Besonders der arme Michael Maertens chargiert sich als hoffnungslos überkandidelter Herzog von Braunschweig nach Leibeskräften durch seine ziemlich peinliche Rolle; und bei Max Giermann, der hin und wieder als cholerischer Soldat zu sehen ist, meint man stets, eine anarchische Version seiner Markus Lanz-Parodie aus "Switch Reloaded" präsentiert zu bekommen. Andere kleine Nebendarsteller haben schlicht Probleme damit, ihre künstlich wirkenden Texte lebendig vorzutragen. Einen Kontrapunkt kann da neben Könnern wie David Kross ("Gefährten", "Der Vorleser") als Gauß' Sohn Eugen oder Karl Markovics ("Die Fälscher", "Nanga Parbat") als Lehrer Büttner vor allem Katharina Thalbach ("Die Blechtrommel") setzen. Mit ihrer großen Kino-, TV- und Theatererfahrung gelingt es ihr scheinbar problemlos, die gesteltzten Texte glaubwürdig vorzutragen. Womit sie die Defizite einiger ihrer Kollegen erst recht offenkundig macht.

In technischer Hinsicht überzeugt "Die Vermessung der Welt" deutlich stärker als inhaltlich. Wie bereits erwähnt sind die Naturaufnahmen aus Ecuador sehr gelungen und rechtfertigen wenigstens ansatzweise den obligatorischen 3D-Aufpreis. Auch die Musik von Enis Rotthoff ("Rubbeldiekatz") weiß zu gefallen und das Alters-Makeup wirkt deutlich authentischer als die Dialoge. Zudem integriert Detlev Buck ein paar nette Ideen wie eine kurze, aber witzige Animationssequenz zu Humboldts Überquerung des Atlantiks, die stilistisch ein wenig an Terry Gilliams berühmte Monty Python-Cartoons erinnert.

Fazit: "Die Vermessung der Welt" ist der ehrenwerte, aber inhaltlich nur bedingt geglückte Versuch, einen deutschen Weltbestseller zu einem "deutschen Hollywood-Film" zu machen. Die optischen Stärken und die spannende Thematik können eine zu monotone Erzählweise sowie die sehr wechselhafte Qualität von Dialogen und Schauspielleistungen nur teilweise übertünchen.

Wertung: 6 Punkte.


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