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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 17. Mai 2012

MELANCHOLIA (2011)

Regie und Drehbuch: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Sir John Hurt, Alexander Skarsgård, Stellan Skarsgård, Charlotte Rampling, Udo Kier, Brady Corbet, Cameron Spurr
 Melancholia
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 79% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $15,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 136 Minuten.

Der neue Film des dänischen Enfant terrible Lars von Trier besteht (nach einem wunderschönen 10-minütigen Prolog zu Musik von Richard Wagner) aus zwei Teilen. Der erste ist "Justine" betitelt und zeigt die Hochzeitsfeier dieser Justine (Kirsten Dunst, "Spider-Man", "Wimbledon") mit dem gutaussehenden und charmanten Michael (Alexander Skarsgård, TV-Serie "True Blood"). Die pompöse, von einem teuren Hochzeitsplaner (Udo Kier, "Iron Sky") ausgerichtete Feier wird auf dem mondänen Landsitz von John (Kiefer Sutherland, "Young Guns"), dem stinkreichen Mann von Justines älterer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg, "Antichrist"), ausgetragen und soll ein perfekter Tag für das Brautpaar werden. Doch von Beginn an zeigen sich kleine Risse in der gar nicht so heilen Welt der Protagonisten, und da Justine unter Depressionen leidet, kann letztlich auch dieser vermeintlich glücklichste Tag ihres Lebens ihren Gemütszustand nicht dauerhaft überdecken. So endet die Hochzeitsfeier in einem Debakel.
Der zweite Teil namens "Claire" findet nach einem kleinen Zeitsprung statt, als Justine bereits so von ihren Depressionen überwältigt und gelähmt ist, daß sie nicht mehr selbständig leben kann. Deshalb wird sie von der Familie ihrer Schwester auf dem gleichen Landsitz, auf dem die Hochzeitsfeier so grandios scheiterte, aufgenommen. Für zusätzliche Spannungen sorgt der Planet Melancholia (die Betonung liegt auf dem "i"), der unser Sonnensystem durchquert, aber für die Menschheit lange Zeit unsichtbar war, da hinter der Sonne "versteckt". Auf seinem Kurs verfehlte er einige Planeten nur knapp und soll nun auch die Erde hauchdünn passieren. Justine ist sich aber absolut sicher, daß Melancholia die Erde treffen und alles Leben zerstören wird. Während ihre Schwester es zunehmend mit der Angst zu tun bekommt, als der fremde Planet am Horizont immer größer wird, scheint Justine ihre Depression beinahe zu überwinden und immer ruhiger zu werden ...

Kritik:
Vom "Dogma"-Prinzip, das Lars von Trier gemeinsam mit Thomas Vinterberg ("Das Fest") und einigen anderen dänischen Regisseuren Mitte der 1990er Jahre festschrieb und das unter anderem den vollständigen Verzicht auf jegliche Art von Spezialeffekten, künstlichem Licht oder Requisiten forderte, hat er sich mit seinem neuen Werk weit entfernt. Der künstlerischen Qualität des Films hat das aber keineswegs geschadet, denn "Melancholia" ist ohne jeden Zweifel ein beeindruckender Film. Ein Film, in dessen Zentrum das Thema "Depression" steht, und da sowohl Regisseur von Trier als auch Hauptdarstellerin Kirsten Dunst selbst bereits depressive Phasen durchlitten, können sie in der Darstellung dieser Krankheit von ihren eigenen Erfahrungen zehren. Das Resultat ist einer der besten und trotz der scheinbar exotischen Handlung um den potentiell zerstörerischen Planeten auch glaubwürdigsten und ehrlichsten Filme über Depressionen überhaupt (soweit sich das beurteilen läßt, ohne selbst bereits depressiv gewesen zu sein).


Dennoch ist "Melancholia" kein reines Meisterwerk. Dafür hat der Film zu viele Schwächen, so gibt es vor allem im Mittelteil des 140-Minuten-Werks inhaltliche Längen und einige der Gäste auf der Hochzeitsfeier wirken etwas zu klischeehaft und oberflächlich, um vollends überzeugen zu können. Davon abgesehen würde ich garantiert nicht zu behaupten wagen, daß ich alles verstanden habe, was der Regisseur seinem Publikum mit diesem Film mitteilen will. Daß der Planet Melancholia eine Metapher für Justines Zustand ist, scheint mir ziemlich klar zu sein. Darüber hinausgehend bleibt aber vieles Interpretationssache und vermutlich kann manches nur hundertprozentig verstehen, wer selbst unter Depressionen litt. Beispielsweise halte ich auch das dumpfe Grollen des nahenden Planeten, das fast das gesamte Schlußdrittel des Films drohend unterlegt, für eine Depressions-Metapher – aber wer weiß, ob das nicht nur meiner persönliche Vorstellung davon entspricht, wie sich Depressionen "anfühlen" müssen? Diese Interpretationsfreiheit ist aber natürlich nichts Schlechtes, eher sogar eine Stärke von "Melancholia", auch wenn sie sicherlich nicht jedem Zuschauer gefallen wird.
 
Gerade angesichts der "Dogma"-Vergangenheit von Triers ist die optische Wucht des Films besonders eindrucksvoll. Die Spezialeffekte also vor allem der Planet Melancholia sind größtenteils nicht spektakulär, aber überzeugend und ungemein ästhetisch, die traumhaften Bildkompositionen und die klassische Musikuntermalung über weite Strecken überwältigend schön. Vor allem den großartigen Prolog und die Endszene, die meiner Ansicht nach eine der schönsten der gesamten Filmgeschichte ist, wird kein Zuschauer so schnell vergessen können.

Daß auch die Schauspieler sehr überzeugend agieren, überrascht kaum, denn Lars von Trier hat nicht ohne Grund schon lange einen Ruf als "Schauspielerinnenflüsterer", der speziell seine weiblichen Akteure zwar bis an den Rand der Erschöpfung fordert, ihnen damit aber meist zu den besten schauspielerischen Leistungen ihrer Karriere verhilft. Erinnert sei an Emily Watson in "Breaking the Waves", Björk in "Dancer in the Dark", Bryce Dallas Howard in "Manderlay", Charlotte Gainsbourg in "Antichrist" oder auch Nicole Kidman in "Dogville" (wenngleich ich persönlich sie in "The Hours" und "Moulin Rouge" noch einen Tick besser fand). Nun ist es Kirsten Dunst, bisher eher "nur" als solide Hollywood-Darstellerin bekannt, die eine höchst imposante Leistung zeigt und dafür zurecht mit dem Preis für die beste Darstellerin bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde. Aber auch Charlotte Gainsbourg und Kiefer Sutherland überzeugen, während die Gäste der Hochzeitsfeier im ersten Teil des Films trotz hochkarätiger Besetzung (darunter Charlotte Rampling, John Hurt und Stellan Skarsgård) zwar ebenfalls gute Szenen haben, aber angesichts der nur marginalen und klischeehaften Ausgestaltung ihrer Charktere doch deutlich zurückstehen müssen.

Fazit: "Melancholia" ist trotz des (visuell und akustisch absolut grandios umgesetzten) Handlungsstrangs um den titelgebenden Planeten letztlich ein klassischer Arthouse-Film, der mit viel Empathie die Geschichte einer depressiven jungen Frau und der Auswirkungen ihrer Krankheit auf ihr Umfeld erzählt. Vergleiche mit Terrence Malicks "The Tree of Life" drängen sich auf, denn im Grunde zeigen beide Filme auf eindrucksvolle Art und Weise verschiedene Facetten des menschlichen Lebens.

Wertung: 8 Punkte (Teil 1, "Justine": 7 Punkte, Teil 2, "Claire": 9 Punkte).

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