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Montag, 11. Dezember 2017

OSCAR-News: Die Golden Globe-Nominierungen 2017/2018

Die Nominierungen für die von der Auslands-Filmpresse vergebenen Golden Globes sind stets der erste große Höhepunkt der Awards Season. Durch die Unterteilung der Hauptkategorien in eine Drama- und eine Komödie/Musical-Sparte haben besonders viele OSCAR-Anwärter die Chance auf eine Nennung - gleichzeitig bedeutet das, daß eine Nicht-Berücksichtigung kein allzu hoffnungsvoller Indikator für eine spätere Academy Award-Nominierung ist. Zu beachten ist allerdings, daß die Drama-Vertreter bei den OSCARs traditionell bessere Aussichten haben als die Komödien. Die Bedeutung für die OSCARs unterstreicht übrigens auch diese Statistik: Seit 1990 gab es keinen Academy Award-Gewinner für den besten Film, der zuvor nicht bei den Golden Globes als bester Film oder für die beste Regie nominiert war ...

Und damit zu den Nominierungen aus dem Filmbereich:

Bestes Drama:
- Call Me by Your Name
- Die Verlegerin
- Shape of Water
- Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Keine wirkliche Überraschungsnominierung (wie es etwa "Blade Runner 2049" oder "Wonder Woman" gewesen wären), dafür fehlen mit Paul Thomas Andersons Modedrama "Der seidene Faden", Joe Wrights Churchill-Biopic "Die dunkelste Stunde" und Sean Bakers Independent-Tragikomödie "The Florida Project" (der zuvor das "Triple" aus Nennungen bei NBR Awards, Critics' Choice Awards und AFI Awards gelang) drei Schwergewichte, die dank der erwähnten Dramen-Übergewichtung aber trotzdem weiter gute Chancen auf eine OSCAR-Nominierung haben. Für Dee Rees' Kriegs-/Sozialdrama "Mudbound" sieht es dagegen eher schlecht aus, da es bereits in der bisherigen Awards Season nicht allzu gut abschnitt. Als Favoriten sehe ich hier "Die Velegerin" an, hinsichtlich der OSCARs dürften jedoch "Dunkirk" und "Call Me by Your Name" auf einer Stufe stehen.

Beste Komödie oder Musical:
- The Disaster Artist
- Greatest Showman
- I, Tonya
- Lady Bird

Die größte Überraschung ist das Fehlen der charmanten Coming of Age-Tragikomödie "The Big Sick", dafür läßt die Nominierung für "Greatest Showman" (zu dem es bislang noch keine Kritiken gibt) hoffen, daß das Zirkus-Musical qualitativ gut ausgefallen ist. Die Einordnung des satirischen Horror-Thrillers "Get Out" in der Komödien-Sparte ist übrigens mehr als diskutabel, aber ein oder zwei solche Fälle gibt es fast jedes Jahr. Einen klaren Favoriten sehe ich hier nicht, aber ich würde aktuell auf "Lady Bird" tippen.

Regie:
- Guillermo del Toro, "Shape of Water"
- Martin McDonagh, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Christopher Nolan, "Dunkirk"
- Ridley Scott, "Alles Geld der Welt"
- Steven Spielberg, "Die Verlegerin"

Tja, da sind dieses Jahr so viele Regisseurinnen wie selten aussichtsreich im OSCAR-Rennen (Greta Gerwig für "Lady Bird", Patty Jenkins für "Wonder Woman", Dee Rees für "Mudbound", Sofia Coppola für "Die Verführten" und Kathryn Bigelow für "Detroit"), aber bei den Golden Globes bleibt die Kategorie doch wieder reine Männersache - wobei speziell das Fehlen von Gerwig erstaunt. Dafür taucht relativ überraschend Altmeister Sir Ridley Scott auf, dessen Entführungsdrama "Alles Geld der Welt" ja gerade erst fertig wurde, nachdem Nebendarsteller Kevin Spacey nach den Belästigungsvorwürfen gegen ihn nachträglich noch durch Christopher Plummer ersetzt wurde. Ob Scott tatsächlich eine OSCAR-Chance hat oder die Globe-Jury ihn eher symbolisch für seine schnelle, entschiedene Reaktion belohnen wollte, wird sich zeigen, denn auch zu diesem Film gibt es noch keine Kritiken. Neben Gerwig fehlen natürlich noch weitere aussichtsreiche Anwärter in einer dieses Jahr stark besetzten Konkurrenz, darunter Paul Thomas Anderson ("Der seidene Faden"), Luca Guadagnino ("Call Me by Your Name") und Denis Villeneuve ("Blade Runner 2049"). Die Chance ist daher hoch, daß die OSCAR-Kategorie etwas anders aussehen wird, wenngleich del Toro und Nolan ihre Plätze sicher haben sollten, Spielberg wohl auch. Bei den Globes halte ich Spielberg für den Favoriten.

Hauptdarsteller, Drama:
- Timothée Chalamet, "Call Me by Your Name"
- Daniel Day-Lewis, "Der seidene Faden"
- Tom Hanks, "Die Verlegerin"
- Gary Oldman, "Die dunkelste Stunde"
- Denzel Washington, "Roman Israel, Esq."

Nichts wirklich Unerwartetes, für die OSCARs dürfte es Washington in dem eher mittelmäßig rezensierten Anwaltsdrama aber recht schwer haben. Jake Gyllenhaal hat für "Stronger" die Nominierung wahrscheinlich knapp verpaßt. Gary Oldman ist favorisiert.

Hauptdarstellerin, Drama:
- Jessica Chastain, "Molly's Game"
- Sally Hawkins, "Shape of Water"
- Frances McDormand, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Meryl Streep, "Die Verlegerin"
- Michelle Williams, "Alles Geld der Welt"

Hawkins, Streep und McDormand sind sichere OSCAR-Kandidaten, für Chastain und Williams wird es eng, denn auch diese Kategorie ist in diesem Jahr extrem gut besetzt (was dafür spricht, daß sich in Sachen Gleichberechtigung tatsächlich etwas tut in Hollywood). Einige Hochkaräter wie Kate Winslet ("Wonder Wheel") oder auch Cannes-Gewinnerin Diane Kruger ("Aus dem Nichts") setzen dagegen ihre Serie von Nicht-Nominierungen fort, da dürften die OSCAR-Aussichten inzwischen auch sehr gering sein. Da ich generell von einem Durchmarsch von "Die Verlegerin" bei den Golden Globes ausgehe, sehe ich Streep vorne, aber McDormand und Hawkins könnten durchaus überraschen.

Hauptdarsteller, Komödie/Musical:
- Steve Carell, "Battle of the Sexes"
- Ansel Elgort, "Baby Driver"
- James Franco, "The Disaster Artist"
- Hugh Jackman, "Greatest Showman"
- Daniel Kaluuya, "Get Out"

James Franco sollte hier die besten Chancen auf eine OSCAR-Nominierung haben, ansonsten können sich wohl höchstens Kaluuya und (je nachdem, wie gut der Film und seine Leistung wirklich sind) Jackman Außenseiterchancen ausrechnen. Bei den Globes tippe ich auf Franco oder Jackman als Sieger, tendentiell eher Jackman.

Hauptdarstellerin, Komödie/Musical:
- Judi Dench, "Victoria & Abdul"
- Helen Mirren, "Das Leuchten der Erinnerung"
- Margot Robbie, "I, Tonya"
- Saoirse Ronan, "Lady Bird"
- Emma Stone, "Battle of the Sexes"

Helen Mirrens Nennung ist die größte Überraschung der Golden Globes-Nominierungen, denn das französisch-italienische romantische Roadmovie hatte wahrscheinlich niemand auf der Rechnung. Siegchancen hat sie damit jedoch sicher nicht, dafür sind Ronan, Robbie und auch Stone in ihren Rollen zu stark. Die ersten beiden müßten im Normalfall auch für die OSCARs nominiert werden, für Stone und Dench wird es sehr eng. Um den Sieg erwarte ich einen engen Zweikampf zwischen Robbie und Ronan, mein Tip: Margot Robbie macht es!

Nebendarsteller:
- Willem Dafoe, "The Florida Project"
- Armie Hammer, "Call Me by Your Name"
- Richard Jenkins, "Shape of Water"
- Christopher Plummer, "Alles Geld der Welt"
- Sam Rockwell, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Willem Dafoe ist der klare Favorit, er hat bislang fast alle Preise der Awards Season bei den Nebendarstellern gewonnen. Rockwell sollte eine OSCAR-Nominierung ebenfalls sicher haben, Jenkins und Hammer (der sich aber gegen seinen "Call Me by Your Name"-Kollegen Michael Stuhlbarg durchsetzen muß, der bislang etwas besser abschnitt) sind aussichtsreich, Plummer ist schwer einzuschätzen. Mit Ben Mendelsohn aus "Die dunkelste Stunde" fehlt hier einer der Mitfavoriten, auch Sir Patrick Stewart könnte für "Logan" (wie bei den Critics' Choice Awards geschehen) durchaus ins Fünferfeld bei den Academy Awards reinrutschen. Und wer weiß - vielleicht schafft es ja überraschend Mark Hamill für "Star Wars Episode VIII" (der den Globes-Juroren sehr wahrscheinlich nicht rechtzeitig vorgeführt wurde)?

Nebendarstellerin:
- Mary J. Blige, "Mudbound"
- Hong Chau, "Downsizing"
- Allison Janney, "I, Tonya"
- Laurie Metcalf, "Lady Bird"
- Octavia Spencer, "Shape of Water"

Dieses Quintett kann gut und gerne auch bei den OSCAR-Nominierungen so auftauchen, erste Anwärterinnen, jemanden zu verdrängen (da wäre Newcomerin Chau erste Wackelkandidatin), wären Holly Hunter ("The Big Sick") und Tiffany Haddish ("Girls Trip") - oder Carrie Fisher mit einer posthumen Ehrung für "Star Wars Episode VIII". Eine Favoritin gibt es nicht wirklich, auch wenn Ex-"Roseanne"-Star Laurie Metcalf bisher knapp am besten abschnitt. Bei den Globes tippe ich auf Hong Chau vor Octavia Spencer.

Fremdsprachiger Film:
- "Eine fantastische Frau", Chile
- "Der weite Weg der Hoffnung", Kamobdscha
- "Aus dem Nichts", Deutschland
- "Loveless", Rußland
- "The Square", Schweden

Unerwartet fehlt der französische Mitfavorit "120 BPM", auch der israelische "Foxtrot" zählt zu den aussichtsreicheren Anwärtern. Allerdings kann es sein, daß bei den OSCARs die gleichen Filme nominiert werden wie hier. Wackelkandidaten sind vermutlich am ehesten Fatih Akins kontrovers diskutierter "Aus dem Nichts" und der von Angelina Jolie gedrehte "Der weite Weg der Hoffnung".

Animationsfilm:
- "Boss Baby"
- "The Breadwinner"
- "Coco"
- "Ferdinand"
- "Loving Vincent"

Überraschend hat sich der mäßig rezensierte "Boss Baby" den fünften Platz von "The LEGO Batman Film" oder auch "Ich - Einfach unverbesserlich 3" geschnappt, die fremdsprachigen Anwärter sind komplett leer ausgegangen. Es steht zu hoffen, daß die OSCARs wie in den vergangenen Jahren eine weniger mainstream- und hollywoodlastige Auswahl treffen, obwohl eine Veränderung des Abstimmungsprozederes das fragwürdig erscheinen läßt. So oder so: Haushoher Favorit ist und bleibt Pixars "Coco".

Drehbuch:
- Guillermo del Toro und Vanessa Taylor, "Shape of Water"
- Greta Gerwig, "Lady Bird"
- Liz Hannah und Josh Singer, "Die Verlegerin"
- Martin McDonagh, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Aaron Sorkin, "Molly's Game"

Bei den Drehbüchern gehen die Globes den umgekehrten Weg zu den Schauspielern und den "Bester Film"-Kategorien: Bei den OSCARs gibt es zwei Sparten (Original- und Adaptiertes Drehbuch), hier nur eine. Dementsprechend positiv sind die OSCAR-Aussichten für das obige Quintett. Am überraschendsten ist das Fehlen von "Der seidene Faden", "The Disaster Artist", "Call Me by Your Name" und "Get Out", dafür war mit "Shape of Water" und "Molly's Game" nicht unbedingt zu rechnen. Die Kategorie ist ziemlich offen, ich tippe auf "Three Billboards" als Sieger.

Musik:
- Carter Burwell, "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
- Alexandre Desplat, "Shape of Water"
- Jonny Greenwood, "Der seidene Faden"
- John Williams, "Die Verlegerin"
- Hans Zimmer, "Dunkirk"

Burwells Nominierung kommt eher überraschend, dafür fehlt Dario Marianelli für "Die dunkelste Stunde", auch Hans Zimmer hat (mit Benjamin Wallfisch) für "Blade Runner 2049" noch ein weiteres heißes Eisen im Feuer. Und John Williams könnte natürlich einmal mehr für "Star Wars" hineinrutschen. Schade, daß es mein Lieblings-Score des Jahres, Michael Giacchinos "Planet der Affen: Survival", nicht geschafft hat. Favorit ist aktuell keiner ersichtlich, ich tippe auf "Shape of Water" als Gewinner.

Filmsong:
- "Home" von Nick Jonas, "Ferdinand"
- "Mighty River" von Mary J. Blige, "Mudbound"
- "Remember Me" von Miguel und Natalia Lafourcade, "Coco"
- "The Star" von Mariah Carey, "The Star"
- "This Is Me" von Keala Settle, "Greatest Showman"

Daß es "Die Schöne und das Biest" nicht in diese Kategorie geschafft hat, ist beinahe schon sensationell, dafür ist Topfavorit "Remember Me" mit von der Partie. Die Filmsongs sind eine notorisch unvorhersehbare Kategorie, das kann also bei den OSCARS wieder ganz anders aussehen; neben "Remember Me" sollte aber auch "This Is Me" sicher mit dabei sein (beide wurden bereits bei den Critics' Choice Awards nominiert).


Insgesamt schneidet "Shape of Water" mit sieben Nominierung am besten ab, dicht gefolgt von "Die Verlegerin" und "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" mit je sechs. Gewinner sind dank unerwartet guten Abschneidens auch die gerade rechtzeitig fertiggestellten "Greatest Showman" und "Alles Geld der Welt". Zu den Verlierern zählen "Die dunkelste Stunde" mit nur einer Nominierung für Gary Oldman und "The Big Sick", der komplett leer ausging. Mit "Lady Bird" (4), "Call Me by Your Name" (3) und "The Disaster Artist" (2) sind gleich drei OSCAR-Mitfavoriten aus dem Independent-Bereich zwar gut vertreten, hatten sich aber möglicherweise noch etwas mehr ausgerechnet; das dürfte ebenfalls für Paul Thomas Andersons "Der seidene Faden" (2) gelten. Die Verleihung der Preise findet am 7. Januar in Los Angeles statt.

Alle Gewinner inklusive der TV-Kategorien gibt es auf der Golden Globes-Homepage.

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