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Dienstag, 29. März 2016

Klassiker-Rezension: MAX UND DIE DREI MUSKETIERE (1922)

Originaltitel: The Three Must-Get-Theres
Regie und Drehbuch: Max Linder
Darsteller: Max Linder, Bull Montana, Frank Cooke, Caroline Rankin, Jobyna Ralston, Charles Mezzetti, Jack Richardson, Clarence Wertz, Jean de Limur
 Max und die drei Musketiere
(1922) on IMDb Rotten Tomatoes: -; FSK: nicht geprüft, Dauer: 55 Minuten.

Der großspurige junge Dart-In-Again (Max Linder) bricht auf seinem (nicht so wirklich) loyalen Maulesel gen Paris auf, um sich dort den berühmten Musketieren anzuschließen. Kaum dort angekommen, wird er jedoch gleich in mehrere Duelle verstrickt, zudem verliebt er sich in die schöne Hofdame Constance (Jobyna Ralston, "Wings") und wird in ein Komplott des sinistren Kardinal Richie-Loo (Bull Montana, "Die verlorene Welt") gegen Königin Anne (Caroline Rankin) verwickelt. Nur Dart-In-Again und die drei Musketiere Octopus (Charles Mezzetti), Walrus (Jack Richardson) und Porpoise (Clarence Wertz) können Frankreich vor tiefgehenderem Schaden bewahren …

Kritik:
Im 21. Jahrhundert haben Parodiefilme einen ziemlich schlechten Ruf. Den haben sie vor allem Keenan Ivory Wayans' noch ansatzweise erträglicher "Scream"-Veralberung "Scary Movie" zu verdanken, die unzählige richtig miese Fortsetzungen und Nachahmer nach sich zog, die sich neben einem eklatanten Mangel an Humor vor allem durch Geschmack- und Niveaulosigkeit auszeichnen. Im 20. Jahrhundert sah das ganz anders aus. In den 1990er Jahren sorgten etwa die beiden "Hot Shots!"-Filme mit Charlie Sheen für zwar nicht überragend anspruchsvolle, aber doch ziemlich kreative und vor allem sehr lustige Leinwandmomente, in den 1980ern blühte das Genre sogar dank der ZAZ-Gagfabrik (Zucker, Abrahams & Zucker), die für heutige Klassiker wie "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" und die "Die nackte Kanone"-Reihe verantwortlich zeichnen. Und das geht immer so weiter, Jahrzehnt für Jahrzehnt kann man richtig tolle Filmparodien aufzählen: In den 1970ern Monty Pythons "Das Leben des Brian" und "Die Ritter der Kokosnuß", Mel Brooks' "Frankenstein Junior" oder "The Rocky Horror Picture Show", in den 1960ern die britische "Ist ja irre / Carry On"-Reihe und Mel Brooks' "Frühling für Hitler", in den 1940ern und 1950ern die "Abbott und Costello"-Reihe. Eine der ersten großen Filmparodien war jedoch "Max und die drei Musketiere" vom französischen Stummfilmstar Max Linder, die einerseits Alexandre Dumas' legendären Abenteuerroman auf die Schippe nahm, andererseits auch das Genre des Mantel-und-Degen-Films sowie ganz konkret Fred Niblos großen Filmhit "Die drei Musketiere" mit Douglas Fairbanks aus dem Jahr 1921.

An dieser Stelle mag der geneigte Leser fragen: "Max wer?" Die Frage ist durchaus berechtigt, denn dieser Pionier der Stummfilm-Komödie ist in den letzten Jahrzehnten leider ziemlich in Vergessenheit geraten – vielleicht auch eine Folge seines frühen Todes im Jahr 1925 im Zuge eines Selbstmordpaktes mit seiner Frau. Dabei stand Linder im frühen 20. Jahrhundert nicht nur auf einer Stufe mit den US-Größen Charles Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd, er war sogar deren Vorreiter und eine speziell von Chaplin offen benannte Inspirationsquelle. Denn bereits vor dem Ersten Weltkrieg, als Hollywood gerade seine allerersten Babyschritte hin zu der weltweit dominierenden Traumfabrik machte, die es heute ist, war Max Linder ein Weltstar – dafür war natürlich von Vorteil, daß es in Stummfilmen keinerlei Verständnisschwierigkeiten gab, solange die Zwischentexte korrekt übersetzt wurden. Weil er so erfolgreich und populär war, ließ sich Linder schließlich auch nach Amerika locken, wo seine Werke allerdings fast kollektiv floppten – wohl auch als Folge seiner Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg, die ihn physisch und psychisch dauerhaft zeichneten und nicht mehr ganz an jene unbeschwerte Ausgelassenheit seiner frühen Werke anknüpfen ließen. Rückblickend gelten seine nur drei US-Filme, von denen "Max und die drei Musketiere" sein letzter war, aber als echte Klassiker.

Tatsächlich ist "Max und die drei Musketiere" noch heute sehr amüsant (da hilft natürlich, daß vermutlich jeder zumindest die Grundzüge der Story kennt und man nicht Fred Niblos Adaption kennen muß, um die parodistischen Elemente wertschätzen zu können), wenngleich Qualität und Niveau des Humors doch schwanken. Einiges kommt eher wie Holzhammer-Humor daher (angefangen bei den albernen Wortspielen bei den Namen der Figuren), vieles ist klassischer, zeitloser, aber nicht übermäßig inspiriert wirkender Stummfilm-Slapstick, manche Szenen sind dafür sehr gewitzt und schlicht unheimlich komisch – ironischerweise auch eine "Holzhammer-Szene" (in der der Kardinal seinen Untergegebenen anweist, Dart-In-Again mit einem riesigen Holzhammer niederzuschlagen, wenn er als Signal ein Taschentuch fallen läßt – dummerweise bückt sich der höfliche Dart-In-Again dann aber jedes Mal, um das Tuch aufzuheben, womit der Hammer stets auf dem Kopf des Kardinals landet …).

Da der Film keine Stunde dauert, droht er nie langweilig zu werden, womit es auch kein echtes Problem ist, daß Handlung und Figuren komplett nebensächlich sind und die Choreographie der turbulenten Fechtszenen nicht ganz an den ungebremsten Witz vergleichbarer Highlight-Momente bei Chaplin, Keaton oder Lloyd heranreicht. Die berühmtesten Stationen des Buches – die zeitgleichen Duelle, der "verlorene" Schmuck der Königin oder die Reise nach England – werden auch mithilfe meist amüsanter, manchmal aber etwas bemüht wirkender Zwischentexte pflichtgemäß abgearbeitet, dienen aber letztlich nur dazu, den nächsten Gag einzuleiten. Das ist selbstverständlich keine intellektuelle Herausforderung für das Publikum, macht allerdings durchgängig Laune. Für die damalige Zeit ziemlich innovativ ist außerdem die Vermengung der historischen Story mit "modernen" Gerätschaften, so flitzt Dart-In-Again schon einmal mit dem Motorrad durch die Szenerie und ruft die Musketiere per Telefon zu Hilfe. Auch sonst gibt es einige Scherze, die man gerne in Erinnerung behält und gerade die parodistischen Elemente könnte man auch heute noch wunderbar anwenden, wenn beispielsweise in Anspielung auf die traditionelle Beinahe-Unverwundbarkeit von Abenteuer- oder Actionfilm-Heroen der Kommandeur der drei Musketiere sich darüber beschwert, daß seine Männer bei ihrem letzten Abenteuer nur 99 Gardisten des Kardinals getötet haben, wo sich doch genau wissen, daß es erst bei 100 einen Rabatt beim Beerdigungsinstitut gibt …

Fazit: "Max und die drei Musketiere" ist eine harmlose, aber lustige Mantel-und-Degen-Parodie, die auch solchen Zuschauern Freude bereiten dürfte, die sonst mit Stummfilmen eher wenig anfangen können.

Wertung: 7,5 Punkte.

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