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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 11. Februar 2015

THE IMITATION GAME – EIN STRENG GEHEIMES LEBEN (2014)

Regie: Morten Tyldum, Drehbuch: Graham Moore, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Matthew Beard, Charles Dance, Mark Strong, Allen Leech, Rory Kinnear, James Northcote, Steven Waddington, Alex Lawther, Jack Bannon, Tuppence Middleton
 The Imitation Game
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,7); weltweites Einspielergebnis: $233,6 Mio.
FSK: 12, Dauer: 114 Minuten.

Als Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg eingreift, bewirbt sich der junge Mathematiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch, "12 Years a Slave") um eine Stelle als "Codeknacker" beim Militär. Da sich der hochintelligente, aber im sozialen Umgang nicht eben einfache Alan beim Vorstellungsgespräch bei Commander Denniston (Charles Dance, "Dracula Untold") allzu großspurig verhält, hätte er eigentlich keine Chance – doch im letzten Moment kann er den Commander doch davon überzeugen, ihn einzustellen. Alan wird Teil einer kleinen Gruppe, die unter höchster Geheimhaltung die als unantastbar geltende Nazi-Verschlüsselungsmaschine "Enigma" knacken soll. Während die anderen einen eher direkten Ansatz wählen, kapselt sich Alan ab und will im Alleingang eine "Universalmaschine" entwickeln, die Enigma gewachsen ist. Dank der Unterstützung des Geheimdienstchefs Menzies (Mark Strong, "The Guard") kann sich Alan vorerst durchsetzen und noch einige zusätzliche Leute in das Team holen, von denen sich vor allem die Studentin Joan (Keira Knightley, "Can a Song Save Your Life?") als wichtige Verstärkung erweist – zumal sich der notorische Außenseiter Alan der als brillante Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft klar Benachteiligten emotional verbunden fühlt …

Kritik:
Eingefleischten Science Fiction-Fans ist Alan Turing seit Jahrzehnten bekannt als Schöpfer des "Turing-Tests" zur Beurteilung Künstlicher Intelligenz. Daß Turing nicht nur ein Computer-Pionier war, sondern auch nicht weniger als ein echter Kriegsheld, wurde erst in den 1970er Jahren offenbar, als die Geheimhaltung bezüglich seiner Aktivitäten als Codeknacker während des Zweiten Weltkrieges aufgehoben wurde. Seine Arbeit war jedoch nicht das einzige an Alan Turings Leben, das filmreif war – leider traf dies auch auf seinen Tod zu. Denn Turing war homosexuell zu einer Zeit, als dies (nicht nur) in Großbritannien noch strafbar war. Als er vor Gericht vor die Wahl zwischen einer Gefängnisstrafe und einer chemischen Kastration gestellt wurde, entschied er sich für letztere – jedoch nicht ahnend, daß zu den Nebenwirkungen der Behandlung schwere Depressionen zählten, die den Einzelgänger letztlich im Alter von nur 41 Jahren in den Selbstmord trieben. Erst Weihnachten 2013 und damit fast 60 Jahre nach seinem Tod wurde Alan Turing von der Queen begnadigt und somit vollkommen rehabilitiert (im Gegensatz zu rund 49.000 weiteren zu jener Zeit wegen ihrer Homosexualität verurteilten Briten – "The Imitation Game"-Hauptdarsteller Cumberbatch zählt zu den Unterstützern einer Petition für ihre kollektive Rehabilitierung). Als überzeugter Gegner jeglicher Art von Diskriminierung macht mich schon ganz allgemein die Vorstellung krank, wie viele Leben noch vor wenigen Jahrzehnten in Europa und Amerika durch bloße staatliche Willkür, Ignoranz und Heuchelei zerstört wurden (ganz zu schweigen davon, daß es in vielen Regionen der Welt noch immer der Fall ist); in Turings Fall kommt der Gedanke erschwerend hinzu, welche wissenschaftlichen Leistungen dieser brillante Geist bis zu seinem natürlichen Lebensende noch hätte erbringen können. Der norwegische Regisseur Morten Tyldum ("Headhunters") setzt Alan Turing mit "The Imitation Game" ein gelungenes Denkmal, das sich allerdings vorwiegend auf seine Tätigkeiten während des Krieges konzentriert.

Dementsprechend ist der Haupthandlungsstrang von Tyldums Film jener, in dem Turing und seine Kollegen versuchen, die deutsche Enigma-Maschine zu entschlüsseln. Das ist eine Thematik, die im Kino nicht ganz neu ist, unter anderem befaßte sich damit Michael Apteds Robert Harris-Adaption "Enigma – Das Geheimnis" aus dem Jahr 2001, in der Kate Winslet und Dougray Scott die Hauptrollen spielten. Auch das US-Kino widmete sich ein Jahr zuvor Enigma mit Jonathan Mostows U-Boot-Thriller "U-571" (2000). Doch obwohl beide Filme ihre Stärken haben, stehen eher die Thriller-Elemente im Vordergrund. "The Imitation Game"-Autor Graham Moore setzt in seinem Haupthandlungsstrang dagegen ganz auf die tatsächlichen Entschlüsselungsversuche. Das mag nach einem sehr trockenen, potentiell langweiligen Stoff für einen Film klingen, doch Moore sorgt in seinem vortrefflichen Drehbuch dafür, daß das Publikum während der zwei Stunden niemals das Interesse verliert. Primär liegt das natürlich an der zentralen Figur des Alan Turing, der als ein Exzentriker vor dem Herrn dargestellt wird (der möglicherweise unter dem Asperger-Syndrom litt) – was Benedict Cumberbatch, der ja bereits seinen "Sherlock" in der gleichnamigen britischen TV-Reihe nicht unähnlich angelegt hat, ausgezeichnet spielt. Dieser Alan Turing ist wahrlich kein einfacher Mensch, aufgrund seiner Direktheit auch kein netter Mensch, was anfänglich zu zahlreichen Spannungen mit seinen neuen Kollegen führt. Moore bringt das mit scharfzüngigen Dialogen zur Geltung, die zwar mitunter Alans ebenfalls sehr talentierte Mitstreiter übertrieben dumm dastehen lassen, dafür aber mit einem Schuß typisch britischen Humors stets unterhaltsam daherkommen.

Selbstredend reichen bloße Kabbeleien oder auch mal handfeste Streitigkeiten alleine nicht aus, um einen OSCAR-reifen Film zu schaffen. Das berücksichtigt Moore, indem er nicht den Fehler begeht, sich zu stark auf Turing zu konzentrieren, sondern auch den Nebenfiguren genügend Raum gibt. Zugegeben, die beiden "Vertreter der Obrigkeit" – der eher als Antagonist eingesetzte Commander Denniston und der undurchschaubare Geheimdienstchef Menzies – sind kaum mehr als Stereotype, wobei vor allem Denniston aus (nur bedingt nachvollziehbaren) dramaturgischen Gründen ziemlich schlecht wegkommt: Nach und nach scheint es so, als wäre es Denniston tatsächlich wichtiger, Turing loszuwerden, als den Krieg zu gewinnen; und das wirkt dann nicht mehr allzu glaubwürdig. Doch die Darstellung dieser beiden Figuren durch zwei Könner, wie es Charles Dance und Mark Strong unbestritten sind, sorgt dafür, daß man wohlwollend über die kleinen Mängel hinwegsieht. Bei Alans Kollegen in Sachen Enigma-Entschlüsselung ist das zum Glück nicht nötig, die sind nämlich sehr authentisch gezeichnet. Vor allem Matthew Goode ("Stoker") als anfänglicher Leiter der Gruppe Hugh Alexander gibt den gutaussehenden, hochintelligenten Bonvivant ausgesprochen überzeugend, den mit Alan zunächst lediglich eine herzliche Antipathie verbindet, ehe sie durch das gemeinsame Ziel doch langsam zueinanderfinden. Und dann ist da noch Keira Knightley, die wie Cumberbatch für einen Academy Award nominiert wurde (insgesamt gab es acht OSCAR-Nominierungen für "The Imitation Game"). Eine verdiente Ehre, denn Cumberbatch und Knightley harmonieren hervorragend als verwandte Seelen, die durch ihre gesellschaftliche Außenseiterstellung und ihre überragende Intelligenz verbunden sind. Ihre Beziehung, deren konkreter Status sich immer mal wieder ändert, ist keineswegs komplett harmonisch, sondern sie hat – wie in der Realität – ihre Höhen und Tiefen. Die emotionale Verbindung zwischen Alan und Joan wirkt so jederzeit glaubwürdig, wobei ich vor allem Joans "Liebeserklärung" gegen Ende ungemein ergreifend finde. Bei der gelingt es Knightley zu den einfühlsamen Klängen der Musik von Alexandre Desplat ("Philomena"), eine ganze Kaskade von Gefühlen in wenigen, dafür umso intensiver vorgetragenen Worten zu vermitteln – von der Scheu vor Zurückweisung über die herzliche platonische Freundschaft zu Alan bis hin zu der leicht verzweifelten Furcht vor dauerhafter Einsamkeit in einer Welt, in der jemand wie Joan Clark eigentlich (noch) keinen Platz hat. Was auf Alan Turing natürlich ebenso oder sogar noch stärker zutrifft.

Während also die Figurenzeichnung und die Darstellung der Versuche, Enigma zu knacken (trotz einiger kreativer Freiheiten sowie einer gegen Ende unnötigen Häufung unglaubwürdiger Zufälle), zu den großen Stärken von "The Imitation Game" zählen, funktionieren manche andere Elemente nicht ganz so gut. Das betrifft vor allem die beiden zusätzlichen Zeitebenen, die den zentralen Storyfaden ergänzen, dabei aber bei weitem nicht mit der gleichen Sorgfalt behandelt werden. Bei den Rückblicken in Alans Kindheit ist das zu verkraften – die sollen einfach nur zeigen, warum Alan zu dem verschlossenen, im Zusammenleben mit anderen Menschen nicht wirklich geschulten Mann geworden ist, der er ist. Wenn man ganz streng ist, kann man den entsprechenden Sequenzen sicherlich eine allzu vereinfachende Psychologie vorwerfen, doch innerhalb der Handlung erfüllt diese frühe und recht kurz abgehandelte Zeitebene ihren Zweck anstandslos. Etwas diffiziler sieht es beim dritten Handlungsstrang aus: Im Jahr 1951 ermittelt Detective Nock (Rory Kinnear, "Skyfall") wegen eines Einbruchs in Turings Wohnung. Da sich der inzwischen zum Cambridge-Professor aufgestiegene Alan (wie üblich) sehr abweisend und arrogant verhält, mutmaßt Detective Nock, er könne ein sowjetischer Spion sein, und bringt mit seinen Ermittlungen ungewollt Turings Homosexualität ans Licht. Angesichts der Tragweite dieser Geschehnisse hätte ich mir definitiv gewünscht, daß sie intensiver beleuchtet worden wären. Stattdessen belassen es Regisseur Tyldum und Drehbuch-Autor Moore bei einer eher oberflächlichen Abhandlung (wenngleich immerhin, wie im gesamten Film, geschickt beiläufig einige von Turings Leistungen eingeflochten werden, speziell der bereits angesprochene Turing-Test). Ich kann nur vermuten, daß sich die Filmemacher lieber mehr auf den positiven Aspekt des unwahrscheinlichen Kriegshelden konzentrieren wollten als auf den deprimierenden seiner willkürlichen Zugrunderichtung unter kompletter Ignoranz seiner herausragenden Leistungen. Natürlich ist das, auch aus der kommerziellen Perspektive betrachtet, absolut nachvollziehbar; trotzdem finde ich es schade.

Fazit: "The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben" ist ein einfühlsames, vortrefflich gespieltes Porträt eines exzentrischen großen Denkers, dem von einer vorurteilsbelasteten Gesellschaft trotz seiner gewaltigen Verdienste in Wissenschaft und Krieg kein glückliches Leben gestattet wurde – was allerdings im Film etwas zu kurz abgehandelt wird.

Wertung: 8,5 Punkte.


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