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Donnerstag, 20. November 2014

Nachruf: Mike Nichols (1931-2014)

Mike Nichols war immer ein Regisseur, der sich in der Öffentlichkeit lieber im Hintergrund hielt und seine Werke auf der Kinoleinwand oder auf der Theaterbühne für sich sprechen ließ. Und so mag Nichols nie so berühmt wie Steven Spielberg oder Martin Scorsese oder George Lucas gewesen sein – doch einer der ganz Großen seiner Zunft war er ohne jeden Zweifel. Gestern starb der in Berlin geborene Amerikaner unerwartet im Alter von 83 Jahren.

Es gibt nur wenige Männer (Frauen überhaupt keine), die es geschafft haben, im Lauf ihrer Karriere OSCAR, Emmy (der "TV-OSCAR"), Tony ("Theater-OSCAR") und Grammy ("Musik-OSCAR") zu gewinnen. Mike Nichols ist einer von ihnen. Wie bei so vielen Filmschaffenden begann die Karriere des russischstämmigen Juden, dessen Familie 1938 aus Deutschland in die USA emigriert ist, auf den "Brettern, die die Welt bedeuten" (als Mitglied der Comedy-Truppe "Compass Players"). Und obwohl er nach dem Wechsel zum Medium Film schnell große Erfolge feierte, blieb er dem Theater immer treu – direkt, indem er wieder am Broadway Stücke inszenierte; aber auch indirekt durch zahlreiche Verfilmungen von Theaterstoffen. So kann es kaum überraschen, daß sein erster Film als Regisseur die Bühnenadaption "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" nach dem berühmten Stück von Edward Albee war. Und diese Verfilmung geriet Nichols so grandios, daß er auf Anhieb ein gemachter Mann in Hollywood war. Trotz der noch mangelnden Erfahrung gelang ihm bei diesem Meisterwerk das Kunststück, das berüchtigt streitbare Skandal-Ehepaar Elizabeth Taylor und Richard Burton (daß sie eine Affäre begannen, als beide noch anderweitig verheiratet waren, galt damals als unerhört und wurde sogar vom Vatikan verurteilt ...) zu einer sensationellen Leistung als alternde, verbitterte Eheleute zu führen, die ein junges Nachbar-Paar zum Essen einladen und sich dann immer stärker gegenseitig verbal zerfleischen. Bemerkenswerte 13 OSCAR-Nominierungen heimste diese leidenschaftliche, (trotz inhaltlicher Änderungen) kongeniale Umsetzung von Albees Stück 1967 ein, immerhin fünf gewann sie (für Nichols blieb es bei der Nominierung).

Nur ein Jahr später folgte mit der nächsten Theateradaption bereits der nächste Triumph: "Die Reifeprüfung", eine von der Musik von Simon & Garfunkel begleitete Tragikomödie über die Affäre eines jungen Studenten zu einer deutlich älteren Frau, machte Dustin Hoffman zum Weltstar und bescherte Nichols im zweiten Versuch den Regie-OSCAR (es sollte der einzige bleiben, dazu kamen vier Nominierungen). Zudem waren beide Filme auch kommerziell höchst erfolgreich, womit Nichols weitgehend freie Hand bei seinen nächsten Projekten hatte. Er nutzte das weidlich aus, indem er weniger publikumsträchtige Stoffe ausprobierte und munter die Genres wechselte. "Catch-22", die Verfilmung des berühmten absurden Anti-Kriegsromans von Joseph Heller, bebilderte er einfallsreich bis surrealistisch, was allerdings nicht so gut ankam. "Catch-22" wurde 1970 Nichols' erster Flop, heutzutage gilt er jedoch als kleiner Klassiker seines Genres. Überhaupt waren die 1970er Jahre im Filmbereich nicht Nichols' erfolgreichstes Jahrzehnt: Die Tragikomödie "Die Kunst zu lieben" mit Jack Nicholson, der SF-Thriller "Der Tag des Delphins" und die humorvolle Krimi-Romanze "Mitgiftjäger" sind heute weitgehend vergessen und sorgten auch damals eher für Negativ-Schlagzeilen; dafür feierte er am Broadway weiterhin große Erfolge (seinen ersten Tony hatte er bereits 1964 gewonnen).

An die Qualität seiner frühen Filme kam Mike Nichols zwar nie mehr ganz heran, doch ab den 1980er Jahren konnte er wieder mit einigen guten und populären Werken punkten: dem Verschwörungs-Thriller "Silkwood" (1983) mit Meryl Streep beispielsweise, der Komödie "Die Waffen der Frauen" (1988) mit Harrison Ford, Sigourney Weaver und Melanie Griffith, dem Drama "In Sachen Henry" (1991) mit Harrison Ford, dem Horror-Thriller "Wolf" (1994) mit Jack Nicholson oder dem Polit-Thriller "Mit aller Macht" (1998) mit John Travolta. Allesamt keine Meisterwerke, aber fraglos gut gemachte, unterhaltsame Filme. Nach der Jahrtausendwende folgten mit der Theater-Adaption "Hautnah" (2004) mit Julia Roberts und der Polit-Satire "Der Krieg des Charlie Wilson" (2007) mit Tom Hanks nur noch zwei (eher mittelmäßig erfolgreiche) Filme, doch dafür machte er 2001 und 2003 mit seinen einzigen beiden TV-Regiearbeiten seine Preissammlung voll. Denn für das Krebs-Drama "Wit" mit Emma Thompson (für das er auch das Drehbuch verfaßte) und für den sensiblen AIDS-Zweiteiler "Engel in Amerika" mit Al Pacino gewann Nichols jeweils zwei Emmys (als Regisseur und Produzent). Obwohl "Der Krieg des Charlie Wilson" 2007 sein letzter Film war, blieb Mike Nichols doch fast bis zuletzt sehr aktiv: Noch 2012 erhielt er seinen unglaublichen neunten Tony für die Regie bei Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden", zuletzt arbeitete er für den TV-Sender HBO an einer Verfilmung des Maria Callas-Stücks "Master Class".

Insgesamt gewann Mike Nichols in seiner langen, erfolgreichen Karriere also einen OSCAR, einen Golden Globe Award, zwei britische BAFTA Awards, vier Emmys, neun Tonys und sogar einen Grammy (1961 für das beste Comedy-Album). In Erinnerung bleiben wird er als ungemein vielseitiger Regisseur, der Hollywood und den Broadway mehr als ein halbes Jahrhundert lang mit seinem großen Können bereichert hat.

R.I.P. 
 

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