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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 6. Juni 2014

EDGE OF TOMORROW (3D, 2014)

Regie: Doug Liman, Drehbuch: Christopher McQuarrie, Jez und John-Henry Butterworth, Musik: Christophe Beck
Darsteller: Tom Cruise, Emily Blunt, Brendan Gleeson, Bill Paxton, Noah Taylor, Kick Gurry, Jonas Armstrong, Charlotte Riley, Tony Way, Franz Drameh, Dragomir Mrsic, Lara Pulver, Terence Maynard, Masayoshi Haneda, Wolf Blitzer
 Edge of Tomorrow
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $370,5 Mio. 
FSK: 12, Dauer: 113 Minuten.


In der nahen Zukunft wird die Erde von "Mimics" genannten Tentakel-Aliens angegriffen. Die blitzschnellen und nahezu unbesiegbar erscheinenden Außerirdischen erobern in Windeseile große Teile Europas, wobei ihnen sehr zupaß kommt, daß sie die Aktionen ihres Feindes erschreckend genau vorhersehen zu können scheinen. Mit einem finalen Großangriff, einer Invasion des europäischen Festlandes von London aus, will die Menschheit den unheimlichen Feind doch noch besiegen. Zu seinem Leidwesen soll an dieser Invasion auch der komplett kampfunerfahrene Presseoffizier und PR-Experte Bill Cage (Tom Cruise) an vorderster Front teilnehmen; sein Versuch, diesem vom hartgesottenen General Brigham (Brendan Gleeson, "The Guard") befohlenen Schicksal durch offene Drohungen mit seinem Einfluß bei den Medien zu entkommen, endet damit, daß er als Deserteur festgenommen und als einfacher Soldat zur Invasionsarmee geschickt wird. Es kommt, wie es kommen muß: Cage stirbt wenige Minuten nach Beginn der Kämpfe einen grausamen Tod … und erwacht zu seiner Überraschung wieder, allerdings einen Tag vorher. Cage will die anderen warnen, doch er stößt nur auf Ablehnung und Hohn, weshalb das Schicksal erneut seinen Lauf nimmt: Cage stirbt auf dem Schlachtfeld. Und erwacht am Vortag. Er stirbt. Er erwacht. Und so weiter. Bis er eines Tages bei den Kämpfen der Kriegsheldin Rita Vrataski (Emily Blunt, "Lachsfischen im Jemen") das Leben rettet und diese ihm Glauben schenkt. Gemeinsam wollen sie die Menschheit retten …

Kritik:
Hollywood wird ja gerne Ideenlosigkeit vorgeworfen, was angesichts der beständigen Flut an Fortsetzungen, Remakes und Reboots selbst wohlmeinende Menschen kaum leugnen können. Doug Limans ("Die Bourne Identität", "Mr. & Mrs. Smith") "Edge of Tomorrow" liefert aber wieder einmal den Beweis, daß ein Cocktail aus den verschiedensten altbekannten Zutaten sehr wohlschmeckend sein kann, wenn die einzelnen Ingredienzien geschickt genug gemixt werden. Die Zutaten von "Edge of Tomorrow" heißen "Alien(s)", "Der Soldat James Ryan" (die vielen Parallelen zum Zweiten Weltkrieg sind nicht nur anhand der gewählten Örtlichkeiten unübersehbar), "Und täglich grüßt das Murmeltier" und "Starship Troopers", dazu gesellt sich vielleicht noch ein kleiner Schuß "Looper". Garniert mit aufwendigen und teuren (das Budget des Films soll sich auf über $170 Mio. belaufen), spezialeffektlastigen Actionsequenzen, zwei charismatischen Hauptdarstellern und einigen schlauen Drehbuch-Ideen ist das Resultat ein überraschend gelungenes Science Fiction-Abenteuer, das sich an der Kinokasse aber leider nicht so gut zu schlagen verspricht wie es verdient wäre (gerade im Vergleich zu anderen, weit stupideren Hollywood-Blockbustern).

Ein Grund dafür – neben einem allgemeinen Rückgang der Zugkraft von Tom Cruise außerhalb der "Mission: Impossible"-Reihe (wie zuletzt die mittelmäßigen Einspielergebnisse von Filmen wie "Knight & Day", "Oblivion" oder "Jack Reacher" demonstrierten) – dürfte in der Trailer-Auswahl liegen. Die ist nämlich gleichzeitig zu loben und zu kritisieren. Zu loben deshalb, weil sich das Studio tatsächlich einmal Mühe gegeben hat, im Promomaterial nicht zu viel von der Story zu verraten, wohingegen es heutzutage ja alles andere als selten vorkommt, daß man nach Ansicht eines Trailers das Gefühl hat, den Film gar nicht mehr anschauen zu müssen, weil man sowieso schon genau weiß, was passiert. Zu kritisieren deshalb, weil "Edge of Tomorrow" dank dieser Strategie wie ein relativ generischer Hollywood-Blockbuster aussieht, dem man kaum zutraut, Ecken und Kanten zu haben. Kurz gesagt: Dem Trailer ist es nicht gelungen, ein "Must See-Gefühl" zu wecken. Irgendwie blöd gelaufen.

Apropos Ecken und Kanten: die darf hier auch Tom Cruise mal wieder zeigen. Bei all seiner unumstrittenen Eignung als Actionheld wird ihm ja doch gerne und nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, daß die von ihm verkörperten Figuren oft viel zu glatt und fehlerlos und damit langweilig seien. Bill Cage ist ganz anders, denn er ist zu Beginn ein arroganter Kotzbrocken, der mit seinen Werber-Fähigkeiten quasi Millionen Menschen in einen aussichtslosen Krieg schickt, selbst aber zu schmutzigen Tricks greift, als er von General Brigham angewiesen wird, die Truppen zu begleiten. Brighams Reaktion, Cage deshalb kurzerhand als Deserteur zu brandmarken und ihn nicht als Presseoffizier, sondern als einfachen Private an vorderste Front der Invasionsarmee zu schicken – was angesichts seiner fehlenden Kampferfahrung einem Todesurteil gleichkommt –, ist sicher übertrieben, aber viele Zuschauer werden sich ein "Ätsch, selber Schuld!"-Gefühl nicht verkneifen können. Somit haben wir übrigens neben der Sache mit der Zeitschleife eine weitere Parallele zu Harold Ramis' Komödienklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier", denn Bill Cage erinnert durchaus an den von Bill Murray so genial verkörperten zynischen Wetterfrosch Phil Connors. Wie bei Connors dient auch bei Cage das Gefangensein in der Zeitschleife der charakterlichen Läuterung – beide müssen bessere Menschen werden, um wieder herauszukommen; nur daß Cages Weg zum Ziel weit schmerzhafter ist und die drohenden Konsequenzen im Fall des Scheiterns sehr viel weitreichender sind. Da dieses Storyelement nur einen Teil von "Edge of Tomorrow" ausmacht, während es in "Und täglich grüßt das Murmeltier" im Zentrum stand, ist die Läuterung selbstredend nicht so intelligent-witzig ausgeklügelt, auch Cruises (gewohnt solide) Darstellung reicht nicht an die von Murray heran. Nach dem wunderbar unsympathischen Auftakt geht Cages Wandlung ganz einfach zu schnell vonstatten, ohne konsequente Entwicklung seines Charakters. Dennoch: Im Vergleich zu den Figuren, die Tom Cruise in den letzten Jahren spielte, ist dieser Bill Cage eine nette Abwechslung. Und für Cruise-Hasser müßte es doch eine echte Empfehlung sein, daß sie ihr Anti-Idol in keinem Film so oft sterben sehen werden wie in "Edge of Tomorrow" …

Häufig hängen Hollywood-Großproduktionen im ruhigeren Mittelteil etwas durch, da sie gerne mit einem Knall beginnen und auf ein explosives Finale zusteuern, zwischendrin aber etwaige Handlungs- oder Dialogmängel besonders auffallen. Bei "Edge of Tomorrow" ist beinahe das Gegenteil der Fall. Der Auftakt ist zwar gelungen, wird vom zum Glück langen zweiten Akt aber noch deutlich übertroffen. Ich hätte ja nicht gedacht, daß man aus dem Zeitschleifen-Thema noch so viel rausholen könnte, aber Regisseur Liman und seinem Autoren-Trio – deren Vorlage übrigens eine japanische "Light Novel" namens "All You Need Is Kill" von Hiroshi Sakurazaka war – gelingt es tatsächlich, Cages unzählige Tode, sein Bemühen, durch kleine Änderungen seines Vorgehens Schritt für Schritt weiter zu kommen und (ab dem Treffen mit Rita Vrataski) sein unerbittliches Kampftraining höchst unterhaltsam, dabei spannend und einigermaßen abwechslungsreich und vor allem erfreulich witzig zu gestalten. So ernst die – schon deshalb wenig aufregende, weil Hintergründe und Motivation der Außerirdischen sehr kurz abgehandelt werden – Alieninvasions-Geschichte auch grundsätzlich erzählt wird, so amüsant sind Cages schmerzhafte Bemühungen mitanzusehen. Eine gute Mischung.

Unglücklicherweise trüben ein paar unnötige Logikfehler etwas das Bild (wie kann es sein, daß den angeblichen Deserteur Cage niemand erkennt, obwohl er doch über Monate hinweg im Fernsehen gewissermaßen das Gesicht der Verteidiger der Menschheit war? Warum versucht er in einem Durchgang der Zeitschleife, Rita das Leben zu retten, indem er auf eigene Faust loszieht, obwohl er doch genau weiß, daß sie ohne sein Eingreifen höchstwahrscheinlich viel schneller auf dem Schlachtfeld sterben wird – er hat es schließlich oft genug gesehen?), außerdem kann der Showdown die Qualität des Mittelteils nicht halten. Das liegt vor allem in einem zu starken Festhalten an den Hollywood-Konventionen begründet. Generell ist es schon ein wenig ärgerlich, daß ein Film wie dieser, mit so vielen, meist grausamen Leinwandtoden gezielt so blutarm inszeniert ist, daß er nicht nur jugendfrei ist, sondern sogar 12-Jährige ihn sehen dürfen. Es muß ja nicht gleich so drastisch wie in Paul Verhoevens stilistisch ähnlichem B-Movie-Spektakel "Starship Troopers" sein, aber diese starke Zahmheit in der Präsentation nimmt Cages Schicksal einiges von seinem Biß. Noch weit ärgerlicher sind allerdings die inhaltlichen Klischees, die "Edge of Tomorrow" im finalen Akt bedient. Da fällt Rita etwa genau in dem Moment, als sie und Cage nicht mehr weiterwissen, ein, daß es im Camp einen als verrückt geltenden Wissenschaftler gibt, der ihnen dann natürlich wirklich die entscheidenden Informationen geben kann. Und, ohne (wegen akuter Spoiler-Gefahr) näher darauf eingehen zu wollen, selbstverständlich gibt es Entwicklungen, die dazu führen, daß sich alles auf genau einen letzten Alles-oder-nichts-Versuch zuspitzt, den man von Anfang an so erwarten konnte. Und das Resultat dieses Versuchs? Nunja, sagen wir so: Man kann darüber diskutieren, ob das wirklich ein gutes (und logisches) Ende ist oder nicht …

Schauspielerisch gibt es dagegen wenig zu bemängeln, was im Fall der beiden Hauptdarsteller auch einer für Genreverhältnisse recht sorgfältigen Charakterzeichnung durch das Drehbuch zu verdanken ist. Wie bereits ausgeführt, zeigt Tom Cruise eine gewohnt souveräne Vorstellung, ohne ansatzweise so zu glänzen, wie er es etwa in "Magnolia" oder "Tropic Thunder" tat. Bei einem Spektakel wie "Edge of Tomorrow" ist das auch gar nicht nötig, da ist das Charisma wichtiger, das er ohne Zweifel ebenso ausstrahlt wie seine Leinwandpartnerin Emily Blunt, die nach "Looper" richtig Gefallen an diesem Genre gefunden zu haben scheint. Die meisten Genrefans dürfte das freuen, denn Blunt macht selbst in den Monstren von (an die Exoskelett-Laderoboter in "Aliens – Die Rückkehr" erinnernden) Ganzkörper-Kampfanzügen, in denen die Soldaten gegen die Außerirdischen antreten, eine richtig gute Figur – und das ist keineswegs nur auf die Optik gemünzt. Cruise und Blunt dominieren den Film zwar, dennoch kommen auch die Soldaten aus der Einheit, der Cage zugeteilt wird (darunter "Aliens"-Veteran Bill Paxton und TV-"Robin Hood" Jonas Armstrong), zu ein paar guten Szenen. Brendan Gleeson ist dagegen als General schlicht verschenkt; für die wenigen Minuten, die er zu sehen ist, hätte man auch einen weniger hochkarätigen Darsteller anheuern können. Die Spezialeffekte sind dafür sehr überzeugend (was man angesichts der Produktionskosten aber auch erwarten durfte), trotz nachträglicher Konvertierung weiß der 3D-Einsatz ebenfalls weitgehend zu gefallen.

Fazit: "Edge of Tomorrow" ist ein nicht allzu originelles, aber sehr unterhaltsames und gut besetztes Action-SF-Spektakel, das mit seiner spielerischen Umsetzung des altbekannten Zeitschleifen-Elements für viel Freude sorgt, seine Stärken im letzten Drittel aber aufgrund einer zu offensichtlichen Anbiederung an den (vermuteten) Massengeschmack nicht mehr zur Gänze ausspielen kann.

Wertung: 7,5 Punkte.


Kommentare:

  1. Das man ihn nicht erkannt hat, finde ich auch einen extrem unnötigen Logikfehler. Beim Alleingang könnte es dagegen so sein, dass er noch am Tag vor dem Angriff losgezogen ist.

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    1. Hmm, die Möglichkeit muß ich mal überprüfen, wenn ich mir den Film wieder anschaue - im Moment ist meine Erinnerung nicht mehr detailliert genug, um die Stichhaltigkeit dieses Erklärungsansatzes überprüfen zu können ... ;-)

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