Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 7. März 2019

CAPTAIN MARVEL (3D, 2019)

Regie: Anna Boden und Ryan Fleck, Drehbuch: Anna Boden, Ryan Fleck, Geneva Robertson-Dworet, Musik: Pinar Toprak
Darsteller: Brie Larson, Samuel L. Jackson, Jude Law, Ben Mendelsohn, Lashana Lynch, Clark Gregg, Annette Bening, Djimon Hounsou, Gemma Chan, Rune Temte, Algenis Perez Soto, Lee Pace, Chuku Modu, Mckenna Grace, Colin Ford, Kenneth Mitchell, Matthew Maher, Vik Sahay, Duane Henry, James Morrison, Chris Evans, Scarlett Johansson, Don Cheadle, Mark Ruffalo, Stan Lee
 Captain Marvel
(2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (6,9); FSK: 12, Dauer: 124 Minuten.

Der intergalaktische Krieg zwischen den heroischen Kree und den formwandelnden Skrull ist im vollen Gang. Die "Starforce", eine tödliche Elitetruppe der Kree, wird auf die gefährliche Mission gesandt, einen aufgeflogenen Undercover-Agenten und seine unter Lebensgefahr in jahrelanger Arbeit gesammelten Informationen über die Skrull zu retten. Commander Yon-Rogg (Jude Law, "Phantastische Tierwesen 2") führt sein sechsköpfiges Team an, doch sie geraten bald in einen Hinterhalt und die Kriegerin Vers wird von einer Gruppe Skrull entführt. Deren Anführer Talos (Ben Mendelsohn, "Die dunkelste Stunde") will von Vers Informationen über einen revolutionären Überlichtantrieb haben – zu ihrer eigenen Überraschung weiß Vers tatsächlich etwas darüber. Denn es stellt sich heraus, daß sie, die vor sechs Jahren ohne Gedächtnis aufgefunden wurde, in Wirklichkeit die menschliche Versuchspilotin Carol Danvers (Brie Larson, "Raum") ist, deren Mentorin die undercover auf der Erde für die U.S. Air Force tätige Kree-Wissenschaftlerin Dr. Wendy Lawson (Annette Bening, "Ruby Sparks") war. Bei einem folgenreichen Zwischenfall erlitt Carol nicht nur ihre Amnesie, sondern verschmolz gewissermaßen mit Dr. Lawsons Kree-Technologie, was ihr übermenschliche Fähigkeiten verlieh. Als Vers / Carol auf der Suche nach ihrer wahren Identität die Erde des Jahres 1995 aufsucht, trifft sie schnell auf den S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson, "The Hateful 8") …

Kritik:
Leider mußte ich in obiger Inhaltsbeschreibung den Handlungsverlauf ein wenig spoilern, da ich sonst in meiner Rezension nur über das erste Filmdrittel schreiben könnte – wer jedoch die Berichterstattung über diesen ersten Solofilm einer Superheldin im Marvel Cinematic Universe ansatzweise verfolgt hat, den wird wenig davon überraschen; zudem kann ich versichern, daß die Story im Verlauf der zwei Stunden noch einige Wendungen einschlägt. Jedenfalls wurde es höchste Zeit für mehr Frauenpower im MCU, auch wenn es ein wenig unfair erscheinen mag, daß nun die in der Post-Credits-Szene von "Avengers: Infinity War" vom S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury zu Hilfe gerufene Newcomerin Captain Marvel (diese Bezeichnung wird übrigens im gesamten Film kein einziges Mal verwendet) die Ehre des ersten Soloabenteuers erfährt, nicht die altgediente, von Scarlett Johansson verkörperte Black Widow (die aber das zweite erhalten soll) vielleicht war das den Verantwortlichen einfach zu naheliegend. Mit Captain Marvel wird somit rechtzeitig vor dem Finale von Phase 3 des MCU in "Avengers: Endgame" eine äußerst mächtige, vorwiegend außerhalb der Erde tätige Superheldin eingeführt, gespielt auch noch von einer waschechten OSCAR-Gewinnerin. Und Brie Larson macht ihre Sache in der munter die Genres wechselnden 1990er Jahre-Origin-Story erwartungsgemäß gut, vor DC-Konkurrentin Gal Gadot als Wonder Woman braucht sie sich keinesfalls zu verstecken. Dabei muß sie durchaus mit Anfangsschwierigkeiten kämpfen, die aber nicht ihrer Leistung, sondern dem zu Beginn arg holprigen Skript geschuldet sind, welches das bisherige Independent-Regie-Duo (und Ehepaar) Anna Boden und Ryan Fleck ("Half Nelson") gemeinsam mit Geneva Robertson-Dworet ("Tomb Raider") verfaßte und das erst ab der Ankunft auf der Erde zu größerer Form aufläuft.

Erste Solofilme von MCU-Superhelden tun sich meistens etwas schwer, schließlich ist es auf Dauer nicht so einfach, die Einführung eines neuen Heroen und seiner Kräfte unterhaltsam und spannend zu gestalten und im Idealfall auch noch mit einer originellen Handlung zu verweben. Zwar gab es Ausnahmen ("Iron Man", "Doctor Strange"), aber "Captain Marvel" zählt trotz eines recht ungewöhnlichen, nicht strikt chronologischen Erzählansatzes und einer unübersehbaren Steigerung im Handlungsverlauf nicht ganz dazu. Das liegt vor allem an dem sehr plötzlichen und zugleich unerwartet zähen Beginn, denn wir werden ohne größere Erklärungen mitten in einen epischen intergalaktischen Konflikt voller Namen, die höchstens eingefleischten Marvel-Fans ein Begriff sein werden, hineingeworfen. Es fühlt sich beinahe so an, als würde man eine Kinovorstellung besuchen, die bereits seit einer Stunde läuft: Man kommt sich ziemlich verloren vor, versucht verzweifelt herauszufinden, welches Gesicht zu welchem Namen gehört, was die genau tun und vor allem, worum zum Teufel es eigentlich geht! Nein, einfach macht es "Captain Marvel" einem am Anfang nicht, dabei ist das Team um den charismatischen Yon-Rogg, Vers, Scharfschützin Minn-Erva (Gemma Chan, "Jack Ryan") und den aus "Guardians of the Galaxy" bekannten Korath (Djimon Hounsou) im Grunde genommen sehr interessant und man könnte sich vorstellen, sie einen ganzen Film lang bei ihren Weltraum-Abenteuern zu begleiten. Doch infolge des Zeitmangels lernen wir sie kaum kennen, da schnell die erwähnte Rettungsmission mitsamt recht unübersichtlich choreographierter Kampfszenen anläuft und die Kämpfer nach Vers' Gefangennahme durch die Skrull kaum noch eine Rolle spielen.

Ironischerweise ist das aber insgesamt eine gute Nachricht, denn sobald Vers auf der Erde ankommt und nach und nach wieder zu Carol wird, macht "Captain Marvel" viel mehr Spaß und wirkt deutlich runder als bis dahin. Das hätte ich im Vorfeld auch nicht gedacht, denn eigentlich liebe ich Weltraum-Filme jeglicher Couleur und war beispielsweise bei "Thor" sehr enttäuscht, als sich die Story auf die Erde verlagerte. "Captain Marvel" ist gewissermaßen das Gegenstück zu "Thor", denn wo Kenneth Branaghs Film nach starkem Beginn dann auf der Erde ziemlich gewöhnlich wurde, legt "Captain Marvel" ab diesem Zeitpunkt erst so richtig los. Verantwortlich dafür ist neben reichlich Humor (natürlich gibt es auch ein paar typische Gags, die mit Vers' Unkenntnis der Erde zusammenhängen) vor allem die sehr gelungene Buddy-Komponente mit Nick Fury, denn der spätere S.H.I.E.L.D.-Boß begleitet Carol fast durchgehend. Da Samuel L. Jackson nicht mehr wirklich wie ein Mittvierziger aussieht, wurde sein Erscheinungsbild digital verjüngt. Das hatte Marvel bereits in früheren Filmen erfolgreich getestet (Michael Douglas in "Ant-Man"), hier wird das Verfahren aber erstmals durchgehend bei einer Hauptfigur angewandt – und es funktioniert einwandfrei. Nach der ersten Verblüffung, daß Jackson plötzlich wieder so aussieht wie in "Pulp Fiction" (1994), gewöhnt man sich in Windeseile daran und nimmt es schon bald kaum noch wahr (zumindest ging es mir so); wirklich erstaunlich und vielleicht auch ein wenig erschreckend. Für den Film aber natürlich gut, denn daß solche Technikspielereien einen schnell unfreiwillig aus dem Geschehen herausreißen können, wenn sie nicht perfekt sind, bewiesen ja schon etliche Filme, kürzlich etwa der computergenerierte Gouverneur Tarkin in "Rogue One" (wobei es etliche Zuschauer gab, denen das überhaupt nicht auffiel). Jackson und Larson die bereits in "Kong: Skull Island" zusammenspielten harmonieren als Fury und Carol jedenfalls hervorragend miteinander und machen den vergleichsweise actionarmen zweite Akt zum Höhepunkt des Films, zumal eine heftige, wenngleich für genaue Beobachter nicht komplett unvorhersehbare Wendung für reichlich Spannung und Dramatik sorgt. Im Finale geht es qualitativ wieder etwas bergab, da es das für Superheldenfilme so typische Actiongewitter gibt, welches aber nun mehr als solide in Szene gesetzt und dabei vor allem dank der von Fury unterwegs aufgelesenen, sehr eigenwilligen Katze Goose ziemlich amüsant ist.

Besagte Wendung täuscht etwas darüber hinweg, daß die Story an sich nichts Besonderes ist und etliche Figuren ziemlich verschenkt wirken. Das trifft vor allem auf die drei MCU-Rückkehrer neben Nick Fury zu, denn weder die "Guardians of the Galaxy"-Alumni Ronan (Lee Pace) und Korath noch der junge S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson (Clark Gregg wurde wie Jackson digital verjüngt, was aber deutlich weniger auffällt, da Gregg sich in diesen gut 20 Jahren gar nicht so sehr verändert hat) haben wirklich viel zu tun, es sind letztlich nur bessere Cameos, die sie absolvieren. Das trifft ebenso auf Annette Bening zu, ist aber bei einer solchen Mentorenrolle legitim. Schade ist dagegen, daß selbst Jude Law als Yon-Rogg nach dem ersten Filmdrittel nur noch sporadisch auftaucht. Es wäre keine Überraschung gewesen, hätte sich Jude Law als Scenestealer des Films entpuppt (schließlich war er das oft in seiner Karriere), doch diese Rolle übernimmt in "Captain Marvel" (neben der Katze Goose) Ben Mendelsohn. Der zuletzt in Hollywood-Blockbustern auf Bösewichter abonnierte Australier ("Ready Player One", "Rogue One") beweist einmal mehr – diesmal sogar in aufwendigem, reptilienhaften Alien-Makeup –, daß er mit seinem süffisanten Charisma jede noch so eindimensionale Figur zu einem Erlebnis machen kann. Wobei das auf den Skrull-Anführer Talos erfreulicherweise gar nicht zutrifft, der entpuppt sich nämlich nach und nach als überraschend dreidimensionale Person, die Carol und Fury locker auf Augenhöhe begegnet und mit einigen herrlich trocken vorgetragenen Onelinern glänzt. Bemerkenswert und durchaus erfreulich: Trotz der weiblichen Hauptfigur gibt es keine romantischen Aspekte der Story, stattdessen spielt Carols Freundschaft zu Maria (Lashana Lynch, "Brotherhood"), einer weiteren Pilotin, eine größere Rolle. Das 1990er Jahre-Setting ist hingegen abseits eines hörenswerten, alternative-lastigen Soundtracks (Nirvana, Garbage, No Doubt) und einiger auf die veraltete Technik abzielender Gags weitestgehend verschenkt.

Wer sich übrigens über den ungewöhnlich niedrigen IMDb-Wert von "Captain Marvel" (während ich dies schreibe: 6,0) wundert: Der ist nicht zum ersten Mal in ihrer Männlichkeit gekränkten Internet-Trollen zu verdanken, die nach einigen unverblümten Äußerungen der offensiv für die Gleichberechtigung von Frauen in ihrer Branche eintretenden Brie Larson nicht nur (natürlich fruchtlos) zum Boykott des Films aufgerufen haben, sondern auch sämtliche Bewertungsseiten im Internet zu Tausenden schon vor dem Kinostart mit Niedrigstbewertungen geflutet haben. Bis der IMDb-Algorithmus die herausrechnet (wie auch etliche Höchstwertungen, die quasi als ausgleichender Konter vergeben wurden), dürfte es einige Wochen bis Monate dauern. Im Film selbst gibt es übrigens durchaus eine gewisse feministische Komponente, die zwar nicht allzu subtil, aber inhaltlich nachvollziehbar und keineswegs zu aufdringlich in die Handlung eingebaut ist. Mehr ist gar nicht nötig, da die Persönlichkeit von Captain Marvel für sich spricht und sie auch dank einiger gekonnt epischer Einstellungen locker zu einer jener Identifikationsfiguren für junge Mädchen taugt, von denen es für die Jungs bereits so viele gibt. Die Musik zu "Captain Marvel" stammt übrigens ebenfalls erstmals im MCU von einer Frau, der Score der türkischen Komponistin Pinar Toprak (TV-Serie "Krypton") fügt sich in das musikalische Gesamtgefüge des MCU nahtlos ein – wobei man sagen muß, daß die Musik im MCU seit jeher keine solch dominante Rolle spielt wie häufig beim großen Rivalen DC (etwa in der "Dark Knight"-Trilogie), sondern eher begleitend eingesetzt wird. Und zu guter Letzt: Wie bei jedem MCU-Film gibt es zusätzliche Szenen, in diesem Fall sind es deren zwei: Nach dem ersten Teil des Abspanns wird erwartungsgemäß direkt zu "Avengers: Endgame" übergeleitet, die zweite Szene ganz am Ende ist nur ein netter Gag.

Fazit: "Captain Marvel" führt eine enorm mächtige, mit außerirdischen Kräften ausgestattete Superheldin in das Marvel Cinematic Universe ein, die nach ungewohnt zähem Auftakt beweist, daß sie eine echte Bereicherung für die Avengers sein kann.

Wertung: Knapp 8 Punkte (6 für das erste Drittel, 9 fürs zweite und 8 fürs dritte).


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen