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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 12. August 2015

DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN (2015)

Originaltitel: Tale of Tales
Regie: Matteo Garrone, Drehbuch: Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso und Matteo Garrone, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Salma Hayek, Toby Jones, Vincent Cassel, Bebe Cave, Shirley Henderson, Hayley Carmichael, Stacy Martin, John C. Reilly, Christian Lees, Jonah Lees, Guillaume Delaunay, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini
 Das Märchen der Märchen
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 82% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $5,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 133 Minuten.

Als die Königin von Longtrellis (Salma Hayek, "Savages") an ihrer Unfähigkeit, ein Kind zu bekommen, zu verzweifeln droht, entschließt sich der König (John C. Reilly, "Guardians of the Galaxy"), den Rat eines mysteriösen Alten anzunehmen. Er soll ein Meeresungeheuer töten, dessen von einer Jungfrau gekochtes Herz muß die Königin dann verspeisen. Es funktioniert, die Königin bekommt einen Sohn namens Elias (als Teenager: Christian Lees), muß aber einen hohen Preis dafür bezahlen …
Der König von Strongcliff (Vincent Cassel, "Black Swan") ist, man kann es nicht anders sagen, sexsüchtig. Als er eines Abends in seinem Schloß einen aus dem nahen Dorf heranwehenden, wunderschönen Gesang vernimmt, muß er die Sängerin unbedingt kennenlernen – und in sein Bett holen. Doch die holde Maid Dora (Hayley Carmichael, TV-Film "Viva Blackpool") ziert sich zunächst; kein Wunder, denn ihre äußere Erscheinung hält in keiner Weise mit der Schönheit ihres Gesangs mit …
Der König von Highhills (Toby Jones, "My Week with Marilyn") ist mit einer hübschen, ihn liebenden Tochter namens Violet (Bebe Cave, "Große Erwartungen") gesegnet – verbringt den Großteil seiner Zeit aber lieber in seinen Gemächern mit seinem neuen, heimlichen Haustier, einem (außergewöhnlichen) Floh! Auch deshalb will Violet schnellstmöglich heiraten, doch als ihr Vater schließlich ein (Rate-)Turnier ausrichtet, dessen Gewinner die Hand seiner Tochter erhalten soll, ist sie nicht wirklich zufrieden. Schließlich würde sie sich ihren Ehemann schon am liebsten selbst aussuchen. Dabei ahnt sie noch gar nicht, welch, nunja, unkonventionellen Bräutigam das Schicksal für sie vorgesehen hat …

Kritik:
Seit einigen Jahren sind Märchenverfilmungen (oder auch von Märchen inspirierte TV-Serien wie "Once Upon a Time" oder "Grimm") ja wieder richtig "in". Vor allem Disney macht sich einen Heidenspaß daraus, alte Zeichentrick-Märchenhits als Realverfilmungen wie "Cinderella" in die Kino-Gegenwart zu transportieren – und fährt damit zumindest bis in das Jahr 2015 hinein außerordentlich erfolgreich. Nun gibt es aber natürlich genügend Märchenfreunde, die mit der familienfreundlichen "Disneyfizierung" der im mittelalterlichen Original in den Details doch oft ziemlich grausamen Märchen überhaupt nicht zufrieden sind – trotz erwachsenerer Ausnahmen wie der Broadway-Adaption "Into the Woods". Die sollten Gefallen finden an "Das Märchen der Märchen" des italienischen "Gomorrha"-Regisseurs Matteo Garrone. In den gut zwei Stunden Laufzeit präsentiert Garrone drei voneinander weitestgehend unabhängige dunkle Erzählungen, die lose auf Giambattista Basiles Mitte des 17. Jahrhunderts erschienener Märchensammlung "Il Pentamerone" basieren.

Visuell und akustisch ist "Das Märchen der Märchen" einfach wunderschön ausgestaltet. Die detailverliebten Kulissen, die schwelgerischen und buchstäblich märchenhaft ausgeleuchteten Kamerafahrten des britischen Kameramannes Peter Suschitzky ("A History of Violence", "Star Wars Episode V – Das Imperium schlägt zurück"), die farbenfrohen, opulenten Kostüme und die verspielte, ungemein facettenreiche Musik des OSCAR-gekrönten Komponisten Alexandre Desplat ("Grand Budapest Hotel") sind schlicht und ergreifend ein wahrer Genuß, den man idealerweise auf der großen Leinwand erleben sollte. Bedauerlicherweise kann der Inhalt qualitativ nicht ganz mithalten, da zumindest zwei der drei Episoden – wie es bei Märchen öfter der Fall ist – im Kern doch recht banal und vorhersehbar daherkommen. Zwar wird es niemals langweilig, dennoch plätschern die Storys, die sich alle um Spielarten der Liebe und Begierde drehen, phasenweise eher vor sich hin. Zum Glück kann neben der generellen Pracht der Produktion auch die bunt gemischte, aber gut durchdachte Besetzung darüber hinwegtrösten. Vincent Cassel ist als notgeiler König zwar schauspielerisch eher unterfordert, dafür aber hochgradig amüsant anzuschauen; Hayley Carmichael als sein auf häßlich geschminktes Objekt der Begierde Dora und Shirley Henderson ("Marie Antoinette") als deren Schwester Imma überzeugen in ihren Rollen ebenfalls. Und bei Salma Hayek frage ich mich wie schon seit Jahren bei jedem neuen Film mit ihr, wie sie es nur schafft, auch mit inzwischen 48 Jahren immer noch so alterslos schön auszusehen. Im Originalton profitiert der auf Englisch gedrehte Film übrigens zusätzlich von der Internationalität des Casts, die nämlich zu einem reizvollen sprachlichen Mix führt: Salma Hayeks zauberhafter mexikanischer Akzent, Vincent Cassels schmeichelnder französischer, dazu Toby Jones' britischer und John C. Reillys amerikanischer sowie natürlich die der vielen italienischen Nebendarsteller – was bei "ernsten" Filmen schon wieder die authentische Wirkung untergraben könnte, paßt perfekt zu einer phantasievollen Märchenadaption (und beweist schon von der Sprachmelodik her, wie schön die Globalisierung klingen kann …).

Schauspielerisch hinterläßt derweil das Vater-Tochter-Gespann Toby Jones und Bebe Cave den stärksten Eindruck. Wenn Cave etwa zu Beginn als Violet ihrem geliebten königlichen Vater ein Lied widmet, ihre Stimme dann – als sie bemerkt, daß der König von irgendetwas abgelenkt ist und deshalb überhaupt nicht mehr auf sie achtet – aber ganz kurz verunsichert zittert … wow! Und es macht einfach Spaß, Toby Jones dabei zuzusehen, wie er mit kindlicher Freude mit seinem neuen "Haustier", dem Floh, spielt, während sein Verhalten Violet gegenüber immer merkwürdiger wird. Überhaupt ist die zweigeteilte Geschichte rund um den König von Highhills, seine Tochter Violet und einen später dazustoßenden Oger (Guillaume Delaunay, "Stonehearst Asylum") meines Erachtens die mit Abstand stärkste von "Das Märchen der Märchen". Neben den tadellosen Leistungen der Darsteller und dem komödiantischen Potential des sich reichlich kindisch verhaltenden Königs liegt das vor allem daran, wie subversiv sich die Handlung mit dem Eintreffen des Ogers entwickelt. Denn wiewohl der häßliche Riese von allen wie jenes Monster behandelt wird, wie das er aussieht, wird einem nach und nach ganz subtil verdeutlicht (so subtil gar, daß es vermutlich nicht alle Zuschauer überhaupt bemerken), daß in Wirklichkeit gar nicht der Oger das Monster in diesem Märchen ist …

Klassische Happy Ends darf man in "Das Märchen der Märchen" folglich eher nicht erwarten, stattdessen herrschen von Anfang bis Ende angenehm ambivalente, teils gar abgründige Töne vor, die durch die schwelgerische Inszenierung und den poetischen Tonfall geschickt kaschiert werden. Stilistisch und auch inhaltlich erinnert das ein wenig an Tarsems noch bildgewaltigeren "The Fall" oder an Jacques Demys recht obskure französische Märchenverfilmung "Eselshaut" mit Catherine Deneuve aus dem Jahr 1970 (die auf einer Erzählung von Basiles französischem Pendant Charles Perrault basiert). Ein großer Unterschied zu dem technisch makellosen "The Fall" ist allerdings, daß die phantastischen Kreaturen, die gelegentlich in "Das Märchen der Märchen" auftauchen, bewußt altmodisch und unter weitgehendem Verzichet auf CGI-Effekte gestaltet sind. Das erinnert ein bißchen an die fiktiven Meeresbewohner in Wes Andersons "Die Tiefseetaucher" und unterstreicht den schrägen Charme des Films ebenso wie den – trotz unübersehbarer allegorischer Ansätze – märchenhaften Charakter der Geschichten.

Fazit: "Das Märchen der Märchen" ist eine durchaus hintergründige, subversiv angehauchte und wunderschön anzusehende und -hörende Sammlung dreier schräg-dunkler phantastischer Erzählungen, die jedoch unter einer gewissen inhaltlichen Profanität und einem mitunter etwas zu gemächlichen Erzähltempo leidet.

Wertung: 7,5 Punkte.

"Das Märchen der Märchen" kommt am 27. August regulär in die deutschen Kinos.

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