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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 17. Dezember 2019

POLDARK (2019, TV-Serie, 5. Staffel)

Regie: Sallie Aprahamian, Justin Molotnikov, Drehbuch: Debbie Horsfield, Musik: Anne Dudley
Darsteller: Aidan Turner, Eleanor Tomlinson, Luke Norris, Gabriella Wilde, Jack Farthing, Pip Torrens, Vincent Regan, Kerri McLean, Peter Sullivan, Tim Dutton, Lily Dodsworth-Evans, Tom York, Freddie Wise, Harry Richardson, Ellise Chappell, Amelia Clarkson, Beatie Edney, Sofia Oxenham, Tristan Sturrock, Richard Hope, Anthony Calf, Woody Norman, Rebecca Front, John Macneill, Andrew Gower, Zachary Fall, Nico Rogner, Heida Reed, Robin Ellis
 Poldark
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (7,2); FSK: 12, Dauer: 462 Minuten.
Das 19. Jahrhundert ist angebrochen, doch an den Problemen in Großbritannien hat sich nicht viel geändert. Der noble, mit seinem ehemaligen Dienstmädchen Demelza (Eleanor Tomlinson, "Colette") verheiratete Landadlige Ross Poldark (Aidan Turner, "The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot") versucht noch immer unermüdlich, als Abgeordneter im Londoner Unterhaus gesellschaftliche Verbesserungen anzutreiben und durch einen alten Freund findet er eine neue, dringende Mission. Denn der hitzköpfige irische Colonel Ned Despard (Vincent Regan, "300"), der Ross 20 Jahre zuvor im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg das Leben gerettet hatte, wurde zum Opfer einer Intrige und sitzt im Londoner Gefängnis. Als Gouverneur der Kronkolonie Britisch-Honduras hatte Ned – der mit der zuvor von ihm befreiten Sklavin Kitty (Kerri McLean, "The Ritual") verheiratet ist – sich vehement gegen die Sklaverei ausgesprochen und damit den ebenso skrupellosen wie einflußreichen, von Sklavenarbeit abhängigen Mahagoni-Händler Ralph Hanson (Peter Sullivan, "The Limehouse Golem") gegen sich aufgebracht. Verkompliziert wird die Angelegenheit dadurch, daß sich Ross' seit dem Tod seiner Mutter vollends verwaister Neffe Geoffrey Charles (Freddie Wise, "Maleficent 2") in Hansons selbstbewußte Tochter Cecily (Lily Dodsworth-Evans, "The Good Liar") verliebt hat – die Hanson als neue Ehefrau ausgerechnet für Geoffrey Charles' verhassten Stiefvater und Ross' Erzrivalen George Warleggan (Jack Farthing, "Official Secrets") vorgesehen hat …

Kritik:
Obwohl die Zuschauerzahlen in Großbritannien für die historische romantische Abenteuerserie "Poldark" immer noch hoch waren, entschieden sich der produzierende TV-Sender ITV und die Macher der Serie für ein relativ frühes Ende nach fünf Staffeln mit insgesamt 43 einstündigen Episoden. Einen definitiven Grund dafür konnte ich nicht herausfinden, es hat aber vermutlich viel damit zu tun, daß man bereits mit dem Ende der vierten Staffel einen Punkt erreichte, in dem die als Vorlage dienende Roman-Reihe von Winston Graham einen größeren Zeitsprung unternahm. Den mitzumachen wäre nicht unproblematisch gewesen, da die Hauptdarsteller im Laufe der Serienproduktion sowieso zunehmend deutlich zu jung für die von ihnen verkörperten Figuren wurden, schließlich erstreckt sich die Handlung der fünf Staffeln über ziemlich genau 20 Jahre. Dann auch noch ein Zeitsprung … nein, das wäre wohl schwer vermittelbar gewesen. Also entschied man sich für eine finale fünfte Staffel, in der Drehbuch-Autorin Debbie Horsfield sich erstmals nur sehr lose an Grahams Bücher halten und viel selbst erfinden mußte. Die gute Nachricht ist, daß ihr das einwandfrei gelingt – wer nicht weiß, daß es für die Ereignisse der fünften Staffel keine direkte Vorlage in den Büchern gibt, der wird es kaum erraten können. Die schlechte Nachricht ist, daß sich diese Staffel niemals wie ein Finale anfühlt, sondern eher wie eine ganz normale Staffel, die kurioserweise am Ende gar den Grundstein für weitere Abenteuer legt. Das ist nicht per se schlimm und vielleicht will man sich ja ganz bewußt die Tür für eine Fortsetzung in einigen Jahren offenhalten (wenn die Schauspieler genügend gealtert sind), aber wenn die Serienmacher schon mal die Gelegenheit haben, ihr Wunschende umzusetzen, dann erwartet man als Zuschauer doch irgendwie mehr als "business as usual" – ein Indiz dafür, daß das keineswegs nur mir so ging, ist die Tatsache, daß in Großbritannien die letzte Episode die zuschauerschwächste der gesamten Serie war (mit immer noch guten 5,32 Millionen).
Besonders bedauerlich finde ich es, daß viele teils mehr, teils weniger liebgewonnene Figuren aus den vorigen Staffeln gar nicht mehr auftauchen – in der vierten Staffel sorgte man ja in einer Folge mit einer Rückblende dafür, daß selbst Verstorbene noch einmal kurz zu sehen waren, doch in der Finalstaffel werden diese mit wenigen Ausnahmen bestenfalls mit einer Erwähnung bedacht. Wenn man bedenkt, welch große Rolle (noch lebende!) Charaktere wie Ross' Cousine Verity, sein früherer Bediensteter Jud Paynter, Morwennas jüngere Schwester Rowella, Ross' politischer Verbündeter Sir Francis Basset oder das oft für Turbulenzen sorgende Vater-Tochter-Gespann Tholly und Emma Tregirls in der Geschichte von "Poldark" spielten, ist das durchaus enttäuschend. Als Ersatz für diese zahlreichen Fehlstellen gibt es etliche ganz neue Figuren, die überwiegend gut funktionieren. Nachdem ich mich seit Staffel 2 darüber beschwert hatte, daß die anfängliche leichte Ambivalenz von Ross' ehrgeizigem Erzfeind George Warleggan über Bord gegangen war und er zum ziemlich klischeehaften Bösewicht avancierte, darf er sich in der fünften Staffel doch endlich ein bißchen weiterentwickeln – was primär der Einbindung von Ralph Hanson als neuer Oberbösewicht zu verdanken ist, der George locker die Schau stiehlt. Auf eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse will "Poldark" also bis zum Ende nicht verzichten und als ob ein Sklavenhändler für heutige Verhältnisse nicht schon verachtenswert genug wäre, ist er auch noch ein richtig fieses und hinterhältiges Ekel. Subtil sieht anders aus, aber die Rechnung geht auf, denn man wünscht Hanson nur das Schlechteste und im direkten Vergleich sieht George gleich viel harmloser aus – obwohl er mit Hanson zusammenarbeitet. Ein wesentlich spannenderer Neuzugang im Cast ist allerdings Ross' alter Lebensretter Colonel Despard (wie der im gleichen Storystrang auftretende undurchschbaure Mr. Merceron übrigens eine historische Persönlichkeit), dessen Einfluß auf Ross schnell offenbar wird. Wie Ross ist Despard ein unerschrockener Kämpfer für die Gerechtigkeit, allerdings auch ein unbelehrbarer Hitzkopf – und diese Eigenschaft ist bei ihm sogar noch deutlich stärker ausgeprägt, weshalb er sich noch öfter und schwerwiegender selbst in Gefahr bringt als wir es von Ross seit Staffel 1 kennen. Als Zuschauer kann man mitunter nur den Kopf schütteln ob Despards Dummheiten und Unbeherrschtheiten, dennoch fühlt man stets mit ihm und seiner tapfer die Vorurteile der Londoner High Society ertragenden und sich als Aktivistin engagierenden afroamerikanischen Gattin Kitty mit.
Kitty paßt übrigens perfekt ins Bild der "Poldark"-Frauen, von denen die meisten viel aktiver und selbstbewußter sind als es vermutlich realistisch wäre. Trotzdem wird die historische Situation der Frau keineswegs verschwiegen, was man unter anderem an einer weiteren Zwangsheirats-Storyline erkennen kann. Die Gewichtung ist dabei wohlgemerkt eine andere als in den vorigen Staffeln bei der bemitleidenswerten Morwenna und ihrem perversen Ehemann Ossie, denn nun konzentriert sich "Poldark" auf die verbotene Romanze zwischen Cecily Hanson und Geoffrey Charles Poldark (Freddie Wise ist aus Altersgründen bereits dessen dritter Darsteller). Auch in der Thematisierung sozial-politischer Aspekte bleibt sich "Poldark" treu und legt vielleicht sogar noch einmal eine Schippe drauf. Die schlechte Bezahlung und die mangelnde Sicherheit der Minenarbeiter bleiben ein Dauerbrenner, dazu gesellen sich die fehlenden Bildungschancen der Arbeiterkinder, die mißtrauisch beäugte Einführung des Papiergelds und generell der neidvolle Blick vieler benachteiligter Bürger auf die französische Revolution gut zehn Jahre zuvor. Das ist viel Stoff und natürlich zu viel, um alles ausführlich zu behandeln, aber es reicht allemal aus, um einen guten Überblick über die Situation speziell des ländlichen Großbritannien rund um das Jahr 1800 zu liefern. Und selbstredend tun Ross und Demelza weiterhin ihr Bestes, um die Situation der Armen zu bessern, müssen sich dabei aber mit dem wachsenden revolutionären Geist in frustrierten, nicht mehr an eine bessere Zukunft glaubenden Menschen wie der jungen Tess Tregidden (Sofia Oxenham) auseinandersetzen, der Demelza zu helfen versucht, indem sie ihr einen Job gibt. Da Ross wieder viel in London zu tun hat und Demelza meist in Cornwall zurückbleibt, ist unser Traumpaar übrigens erneut einige Zeit getrennt, aber zum Glück sind sie insgesamt deutlich länger als zusammen als in der vorigen Staffel und harmonieren weiterhin prächtig miteinander (und ja, Demelza darf wieder ihre wunderschöne Singstimme präsentieren, wenn auch leider relativ kurz). Von den übrigen alten Bekannten spielen in erster Linie Ross' bester Freund Dr. Dwight Enys (Luke Norris) und seine Frau Caroline (Gabriella Wilde, "Die drei Musketiere") – die mir im Lauf der Jahre sogar noch mehr ans Herz gewachsen sind als Ross und Demelza – sowie Demelzas Brüder Sam (Tom York, TV-Serie "Olympus") und Drake (Harry Richardson, "Dunkirk") eine größere Rolle.
Und dann ist da eben noch George Warleggan, der nicht nur in Sachen Bösartigkeit von Ralph Hanson in den Schatten gestellt wird, sondern auch noch als Folge des nie verwundenen Todes seiner geliebten Elizabeth am Ende von Staffel 4 in den Wahnsinn abzugleiten droht. So sehr man es in den letzten Jahren gelernt hat, George zu verachten und vielleicht sogar zu hassen: Diese von Jack Farthing höchst überzeugend gespielten Szenen wecken aufrichtiges Mitgefühl für ihn und schaffen es endlich, George wieder als Menschen zu sehen und nicht als reinen Klischee-Bösewicht. Und so ganz nebenbei gibt es durch Georges Misere ein Wiedersehen mit Elizabeth-Darstellerin Heida Reed; zudem bekommt Pip Torrens ("Niemandsland") als Georges bemerkenswert loyaler Onkel Cary gefühlt mehr zu tun als in der gesamten Serie zuvor. Trotz meiner geäußerten Kritik an der finalen "Poldark"-Staffel gibt es letztlich also auch viel Gutes über sie zu sagen, sie reiht sich qualitativ gleichwertig neben den vorherigen Staffeln ein. Allein die letzten beiden Episoden, in denen die Erzählstränge der Staffel kulminieren und zusätzlich mit einem neuen kombiniert werden, wirken zu überladen und gehetzt, um völlig glaubwürdig rüberzukommen. Das ist schade, da die Serie einen richtig guten, spektakulären Schlußpunkt verdient gehabt hätte, aber im Grunde genommen auch nicht wirklich schlimm. Abseits vom Inhaltlichen kann ich über die Staffel – wie die gesamte Serie – sowieso nur Gutes berichten: Die Kameraarbeit beschert uns erneut idyllische Bilder der Küstenlandschaft von Cornwall und teilweise deutlich weniger idyllische des schmutzigen London (inklusive des wenig einladenden Gefängnisses), die gefühlvolle Musik von Anne Dudley untermalt die dramatischen wie auch die romantischen Szenen weiterhin kongenial, Kostüme und Ausstattung wirken sehr hochwertig und das Schauspiel-Ensemble überzeugt durch die Bank. Sicher, ich hätte mir für "Poldark" eine etwas rundere und einzigartigere Finalstaffel gewünscht, aber wer die ersten vier "Poldark"-Staffeln mochte, der wird zweifellos auch die abschließende mögen. Und wenngleich ich fünf Jahre lang das Gefühl hatte, daß die Serie ihr erzählerisches Potential nicht ganz ausschöpft, werde ich Aidan Turner als Ross Poldark, die wunderbare Eleanor Tomlinson als Demelza und all die anderen (ja, ein bißchen sogar George) ganz bestimmt vermissen.

Fazit: Die finale fünfte Staffel der britischen romantischen Historienserie "Poldark" versprüht wenig Abschiedsstimmung, liefert den Fans aber weitere dramatische Abenteuer in gewohnter Qualität.

Wertung: 7,5 Punkte.

Die fünfte Staffel von "Poldark" wurde von Edel:Motion am 6. Dezember 2019 auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Das Bonusmaterial umfaßt neben drei neuen Sammelkarten vier Featurettes mit einer kumulierten Dauer von gut 80 Minuten, die u.a. die gesamte Serie noch einmal aus der Perspektive vieler Beteiligter Revue passieren lassen. Ein Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von Glücksstern-PR zur Verfügung gestellt.

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