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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 5. August 2021

QUO VADIS, AIDA? (2020)

Regie und Drehbuch: Jasmila Žbanić, Musik: Antoni Lazarkiewicz
Darsteller: Jasna Djuričić, Izudin Bajrović, Dino Bajrović, Boris Ler, Johan Heldenbergh, Boris Isaković, Raymond Thiry, Emir Hadžihafizbegović, Edita Malovčić, Reinout Bussemaker, Juda Goslinga, Teun Luijkx, Jelena Kordić Kuret, Rijad Gvozden
Quo vadis, Aida? (2020) on IMDb Rotten Tomatoes: 100% (8,8); weltweites Einspielergebnis: $0,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 104 Minuten.
Juli 1995: Obwohl das bosnische Srebrenica offizielle Schutzzone der Vereinten Nationen ist, dringt die serbische Armee unter der Führung von General Ratko Mladić (Boris Isaković, "Last Christmas") weitestgehend unbehelligt ein und erobert die Stadt. Tausende Einwohner flüchten aus Angst vor Mladićs berüchtigten Truppen zum UN-Lager am Rand der Stadt, welches vom niederländischen Colonel Karremans (Johan Heldenbergh, "The Broken Circle") kommandiert wird. Allerdings ist das Lager denkbar schlecht ausgestattet – nicht einmal Benzin ist noch vorhanden – und kann deshalb nur einen Teil der Flüchtigen aufnehmen, die übrigen warten vor dem Lager oder fliehen in die umliegenden Wälder. Die Grundschullehrerin Aida Selmanagić (Jasna Djuričić) ist im Lager als Übersetzerin für die UNO tätig und schafft es so wenigstens, ihren Gatten Nihad (Izudin Bajrović, "Tod in Sarajevo") und ihre erwachsenen Söhne Hamdija (Boris Ler, "Männer weinen nicht") und Sejo (Dino Bajrović) ins Lager zu holen – dafür muß der Schuldirektor Nihad allerdings als einer von drei zivilen Vertretern der Stadt mit General Mladić verhandeln. Diese Verhandlungen sind aber eine Farce und das UN-Lager soll geräumt werden, weshalb Aida verzweifelt darum kämpft, ihre Familie als Teil des UN-Konvois in Sicherheit zu bringen …
 
Kritik:
Dafür, daß die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren der einzige echte, "heiße" Krieg auf dem europäischen Kontinent seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren, ist es eigentlich erstaunlich, wie wenig sie filmisch verarbeitet wurden. Für Hollywood war dieser blutige Konflikt wahrscheinlich zu weit weg und geopolitisch zu unbedeutend – weshalb es mit John Moores nach spannendem Beginn arg mittelmäßigem Actionfilm "Im Fadenkreuz – Allein gegen alle" (2001) mit Owen Wilson und Gene Hackman, der sehenswerten Indie-Produktion "Savior – Soldat der Hölle" (1998) mit Dennis Quaid sowie Angelina Jolies ambitioniertem "In the Land of Blood and Honey" (2011) nur drei nennenswerte Werke zum Thema gibt. Für die europäische Filmindustrie wiederum war dieser Krieg wohl zu nah und angesichts der weiter anhaltenden Spannungen zwischen den beteiligten Bevölkerungsgruppen zu brisant. Die Aufarbeitung blieb so letztlich Filmemachern aus dem früheren Jugoslawien selbst vorbehalten, wobei sich neben dem Bosnier Danis Tanović mit seinem OSCAR-gekrönten Meisterwerk "No Man's Land" (2001) vor allem seine Landsfrau Jasmila Žbanić hervortat. Bereits mit ihrem während der Nachwehen des Krieges spielenden Langfilmdebüt "Esmas Geheimnis – Grbavica" (2006) beeindruckte sie und gewann den Goldenen Bären der Berlinale. 14 Jahre später kehrt Žbanić mit dem OSCAR-nominierten "Quo Vadis, Aida?" zur Thematik zurück und beeindruckt Kritiker und Zuschauer vielleicht noch mehr mit einer weitgehend gewaltfreien, aber umso intensiveren, bedrückenderen und erhellenderen Schilderung des Falls von Srebrenica.
Obwohl es sich bei "Quo Vadis, Aida?" inhaltlich um ein Drama handelt, eine Tragödie gar, hat Jasmila Žbanić ihren Film wie einen Thriller aufgebaut. Mit dem Einmarsch von General Mladić in Srebrenica und später der "ausgehandelten" – korrekter wäre: von Mladić den Serben wie auch den überforderten UN-Truppen aufoktroyierten – Evakuierung der Zivilisten beginnt für Aida ein Wettlauf gegen die Zeit, da sie bereits mehr als nur ahnt, daß diese "Evakuierung" tödlich enden könnte. Mit zunehmender Verzweiflung versucht Aida alles, um ihre Familie zu retten, indem sie dafür sorgt, daß diese das Lager mit den UN-Truppen verläßt. Doch dabei rennt sie von Pontius zu Pilatus und stößt auf immer weitere Hürden, weil sich die UN-Offiziere hinter Bürokratie und Regelungen verstecken. Nicht nur wegen Jasna Djuričićs grandioser, atemloser Performance wird ihr Kampf gegen die Windmühlen für jeden Zuschauer im Wissen um die historische Realität nahezu unerträglich (und selbst denjenigen, die nicht Bescheid wissen, sollte sich angesichts des Geschilderten die Dringlichkeit der Situation erschließen). Neben dieser Inszenierung als Wettlauf gegen die Zeit zeichnet "Quo Vadis, Aida?" auch der erklärte Fokus auf die Opfer aus. Ja, Täter kommen vor und General Mladić wird wenig zuvorkommend dargestellt (was nicht zuletzt ob der Tatsache, daß er 2017 vom Internationalen Strafgerichtshof wegen erwiesenen Völkermordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, nicht übertrieben sein dürfte) und auch die bis heute kontrovers diskutierte Rolle der Vereinten Nationen ist Thema. Doch im Zentrum stehen nicht die Kriegshandlungen und die Soldaten, sondern ganz eindeutig die hilflosen Zivilisten, die unverschuldet zum Spielball der Mächte werden und kaum etwas anderes tun können als zu hoffen, daß es irgendwie gut ausgehen wird – was symbolträchtig durch die Pseudo-Verhandlungen zwischen dem so großspurig wie gönnerhaft auftretenden Mladić und den drei eingeschüchterten, eher unfreiwilligen Zivilvertretern der Stadt belegt wird, die Mladić genußvoll für eine Demütigung und Verhöhnung des Trios wie auch der UN-Truppen nutzt.
Dabei unterstreicht Žbanić die Absurdität dieses Krieges dadurch, daß sich viele der Beteiligten untereinander kennen – so ist ein serbischer Soldat ein früherer Schüler von Aida, während eine der zivilen Vertreterinnen Srebrenicas früher gut mit einem von Mladićs Offizieren befreundet war. Daß Mladić die UNO nicht ernstnimmt, kann man übrigens gut nachvollziehen, immerhin verstreichen Ultimaten folgenlos und die von Karremans kommandierten Truppen vor Ort sind großteils halbe Kinder, während die Offiziere mangels Unterstützung von oben hilflos sind und sich sinnlos an die Bürokratie klammern, obwohl zumindest einigen von ihnen offensichtlich klar sein muß, daß Mladić die geflohenen Einwohnder Srebrenicas nicht einfach selbstlos in Sicherheit bringen wird. Natürlich ist auch Aidas Handeln nicht ganz frei von Egoismus, weil sie nunmal von der UNO Sonderregeln für sich einfordert; aber ihr kann man kaum vorwerfen, daß ihr die Sicherheit ihrer eigenen Familie wichtiger ist als die der Tausenden übrigen Einwohner, daher funktioniert sie als Sympathieträgerin trotzdem gut. Auf der anderen Seite kann man sich auch in die schwierige Lage von Colonel Karremans und Major Franken (Raymond Thiry, "Der Bankier des Widerstands") versetzen, die sichtlich bemüht sind, jedoch von ihren Vorgesetzten schmählich im Stich gelassen werden und ihre Frustration deswegen nicht verbergen. Inwiefern sie mehr zum Schutz der Zivilbevölkerung hätten ausrichten können, wird wahrscheinlich nie abschließend geklärt werden können und auch Žbanić erlaubt sich diesbezüglich klugerweise kein klares Urteil. Generell ist "Quo Vadis, Aida?" trotz der Thriller-Elemente betont realistisch und nachdenklich in Szene gesetzt und verzichtet auf Übertreibungen oder Actionsequenzen, auch um Schuldzuweisungen geht es nicht. Erstaunlicherweise gelingt es Jasmila Žbanić gar, den eindringlichen, erschütternden Film mit einem einigermaßen versöhnlichen, hoffnungsvollen und sehr weisen Epilog zu versehen. Alles andere wäre aber wohl auch zu niederschmetternd gewesen …
 
Fazit: "Quo Vadis, Aida?" ist ein so packendes wie kluges und erschütterndes, wie ein Thriller inszeniertes Kriegsdrama, das die Perspektive der Opfer in den Vordergrund stellt.
 
Wertung: 9 Punkte.
 
 
"Quo Vadis, Aida?" wird vom farbfilm verleih am 5. August 2021 in die deutschen Kinos gebracht. Eine Rezensionsmöglichkeit wurde mir netterweise vom Entertainment Kombinat zur Verfügung gestellt.
 

 

Screenshots: © farbfilm verleih

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