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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 13. Dezember 2017

COCO – LEBENDIGER ALS DAS LEBEN! (3D, 2017)

Regie: Adrian Molina und Lee Unkrich, Drehbuch: Adrian Molina und Matthew Aldrich, Musik: Michael Giacchino
Sprecher der Originalfassung: Anthony Gonzalez, Gael García Bernal, Benjamin Bratt, Alanna Ubach, Renée Victor, Jaime Camil, Alfonso Arau, Ana Ofelia Murguía, Herbert Siguenza, Sofía Espinosa, Gabriel Iglesias, Natalia Cordova-Buckley, Edward James Olmos, Cheech Marin, John Ratzenberger, Lee Unkrich, Adrian Molina
 Coco - Lebendiger als das Leben
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 97% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $800,5 Mio.
FSK: 0, Dauer: 105 Minuten.

Der zwölfjährige Miguel (in der Originalfassung gesprochen von Anthony Gonzalez) hat einen großen Traum: Er will unbedingt Musiker werden, so wie es einst sein Ururgroßvater war. Über den weiß Miguel ansonsten allerdings überhaupt nichts, was mit dem gigantischen Hindernis zusammenhängt, das der Erfüllung seines Traumes im Wege steht: Da Miguels Ururgroßvater seine Familie zugunsten seiner Musikerkarriere verließ, wurde er nicht nur weitestgehend aus der Familiengeschichte getilgt (einzig seine inzwischen selbst uralte Tochter Coco hat noch positive Erinnerungen an ihn) – seitdem ist auch jegliche Form der Musik tabu! Miguel hält das nicht davon ab, heimlich das Gitarrespielen zu üben, doch als er an einem Musikerwettbewerb teilnehmen will, wird ihm das strikt verboten und seine Gitarre zerstört. Der trotzige Miguel will trotzdem auftreten und zu diesem Zweck das Instrument seines Idols, des lange verstorbenen Ernesto de la Cruz (Benjamin Bratt, "Doctor Strange"), aus dessen Grabmal ausborgen. Das führt allerdings dazu, daß er – obgleich sehr wohl noch am Leben – irgendwie im Totenreich landet, wo er unbedingt innerhalb einer Nacht Ernesto finden muß, um wieder in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Mehr oder weniger hilfreiche Unterstützung bekommt er dabei von dem etwas tollpatschigen, jedoch liebenswürdigen Straßenhund Dante und von dem windigen Héctor (Gael García Bernal, "Babel"), der Ernesto kennt und seinerseits Miguels Hilfe benötigt, um nicht für immer in Vergessenheit zu geraten …

Kritik:
Seit dem Jahr 2012 war Marvels "The Avengers" der erfolgreichste Film aller Zeiten in Mexiko (nicht inflationsbereinigt). Im Herbst 2017 wurde Joss Whedons Superhelden-Spektakel dann nicht nur entthront, sondern sogar noch weit abgehängt: von "Coco". Angesichts der Tatsache, daß mit "Toy Story 3" und "Minions" zwei weitere Animationsfilme zu den zehn erfolgreichsten Filmen des Landes zählen, scheinen die Mexikaner ein gewisses Faible für Animationsfilme zu haben – und daß Pixars neues Werk auch noch eine explizit mexikanische Geschichte rund um den ob seiner ziemlich einzigartigen Natur mittlerweile weltweit bekannten "Tag der Toten" ("Día de los Muertos") erzählt, reichte offensichtlich locker aus, um die Filmbegeisterten in Scharen in die Lichtspielhäuser strömen zu lassen. Gleichwohl ist "Coco" keineswegs ein rein mexikanisches Phänomen, er funktioniert global sehr gut. Das ist nicht wirklich verwunderlich, schließlich handelt es sich eben um einen Pixar-Film, noch dazu um einen, bei dem mit Lee Unkrich (gemeinsam mit Adrian Molina) einer der renommierteste Filmemacher des populären Studios Regie führte, der zuvor unter anderem die "Toy Story"-Trilogie, "Die Monster AG" und "Findet Nemo" mitverantwortete. Mit den besten Pixar-Filmen kann "Coco" meines Erachtens qualitativ trotzdem nicht mithalten, dafür ist die ziemlich lineare Story zu überraschungsarm und vorhersehbar präsentiert. Daß der zweifach OSCAR-prämierte "Coco" dennoch ein gutes, auf jeden Fall empfehlenswertes Pixar-Werk ist, liegt daran, daß die dramaturgischen Mängel durch hörenswerte Musik, sehr charmante Figuren und vor allem ganz viel Herz weitgehend wettgemacht werden.

Eigentlich hat Pixar ja bereits des Öfteren bewiesen, daß sie ihre Animationsfilme mit einer anspruchsvollen und relativ komplexen Handlung anreichern können – etwa bei den "Toy Story"-Filmen, "Oben" oder "Alles steht Kopf". Die Erzählstruktur von "Coco" kommt dagegen nach einer recht langatmigen Einführung vergleichsweise simpel daher: Der sympathische Miguel – übrigens die erste nicht-weiße Pixar-Hauptfigur! – durchstreift mit Dantes und Héctors Hilfe die Lande der Toten, um Ernesto zu finden und wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren. Natürlich gibt es auf seiner Reise neben den obligatorischen amüsanten Aufeinandertreffen mit manchmal mehr, manchmal weniger skurrilen Gestalten (unter ihnen die mexikanische Malerin und Nationalheldin Frida Kahlo, gesprochen von Natalia Cordova-Buckley aus "Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.") auch ein paar dramatische Wendungen – die bedauerlicherweise geradewegs aus dem Klischeehandbuch stammen und einigermaßen film- und/oder serienaffine Zuschauer kaum werden überraschen können. Zudem muß ich einräumen, daß mich schon die Prämisse mit der extrem musikaversen Familie, die aus komplett blödsinnigen Gründen bereit ist, mit einem Handstreich Miguels Lebenssinn zu zerstören, ziemlich genervt hat. Klar, das ist bewußt überzeichnet, um möglichst viel Komik aus dieser Übertreibung zu ziehen (was auch halbwegs gelingt), aber selbst unter Berücksichtigung des in Mexiko wohl deutlich überdurchschnittlich ausgeprägten Hangs zum Aberglauben finde ich diesen zentralen Storyaufhänger (der Miguels ungewolltes Abenteuer überhaupt erst nötig macht) arg dämlich und überkonstruiert – da hätte man mit Sicherheit eleganter vorgehen können.

Vielleicht ist die Prämisse auch deshalb so überzogen, weil den Filmemachern bewußt wurde, daß das Skript für Pixar-Verhältnisse relativ wenig Humor enthält. Das wäre für sich genommen nicht negativ zu bewerten, im Zusammenspiel mit der überraschungsarmen Story ist es jedoch sicherlich nicht ideal. Gerade Kenner von Tim Burtons famosem, thematisch ähnlichen Stop Motion-Grusical "Corpse Bride" dürften erstaunt registrieren, wie (verhältnismäßig) wenig Komik "Coco" aus der Totenreich-Geschichte letztlich herausholt. Doch die Autoren Adrian Molina und Matthew Aldrich (der zuvor nur den Actionfilm "Cleaner" mit Samuel L. Jackson aus dem Jahr 2007 schrieb) setzen offensichtlich bewußt andere Schwerpunkte in ihrem Drehbuch und geben statt Humor lieber ganz viel Gefühl den Vorrang. Das ist keine schlechte Entscheidung, denn wenngleich die Emotionalität der Story die dramaturgischen Mängel nicht komplett wettmachen kann, sorgt sie dafür, daß sich "Coco" von vielen Genrekollegen abhebt. Tod und Erinnerung, der Familienzusammenhalt und die mexikanische Kultur stehen im Zentrum und diese Themen werden lobenswert ernsthaft behandelt. Gerade die Idee, wonach die Menschen nach ihrem Tod zunächst in einer eindrucksvoll gestalteten, fröhlichen und sehr farbenfrohen sowie teilweise vom unverwechselbaren Art déco-Stil inspirierten Totenwelt landen, wo sie dann irgendwann den endgültigen Tod erleiden, sobald sie von den Lebenden vergessen werden, erdet die Geschichte und verleiht ihr Tiefe, zudem sorgt sie für einen melancholischen Unterton, der "Coco" sehr gut zu Gesicht steht. Und so vorhersehbar Miguels Reise auch verlaufen mag, wenn sie schließlich an ihrem unvermeidlichen, hochemotionalen Endpunkt anlangt, erntet "Coco" die Früchte der sorgfältigen und liebevollen Figurenzeichnung und geht richtig ans Herz …

Die visuelle Pracht, die hier dank der häufigen Kameraschwenks über das riesige Totenreich in 3D besonders beeeindruckt, ist man von Pixar ja seit jeher gewohnt, auch das Figuren- und Kreaturendesign (mit phantasievoll ausgestalteten tierischen Geisterführern) ist wieder einmal über jeden Zweifel erhaben. Eher ungewöhnlich für Pixar ist der musikalische Schwerpunkt, denn durch Miguel und Ernesto spielt die Musik eine ganz wichtige Rolle. Michael Giacchino ("Planet der Affen: Survival") hat einen gefühlvollen, sinnigerweise lateinamerikanisch geprägten Score geschaffen, der gut mit den (in der deutschen Synchronfassung übersetzten) Songs der OSCAR-gekrönten "Die Eiskönigin"-Komponisten Robert Lopez und Kristen Anderson-Lopez sowie von Germaine Franco und Adrian Molina harmoniert. Vor allem das zentrale, sowohl von Ernesto als auch von Héctor und Miguel gesungene Wiegenlied "Remember Me" vom Ehepaar Lopez ist ein wahrer Ohrwurm, der mit einem OSCAR ausgezeichnet wurde aber auch die übrigen Songs wie das melancholische Volkslied "La Llorona", das von Miguels Ururgroßmutter Imelda (Alanna Ubach, "Natürlich blond") kraftvoll vorgetragen wird, wissen zu gefallen. Und angesichts dieser Stärken bei visueller Gestaltung, Musik und Figurenzeichnung kann man die angesprochenen Storyschwächen verzeihen, denn "Coco" liefert letzten Endes ganz einfach gute Unterhaltung.

Fazit: "Coco – Lebendiger als das Leben!" ist ein für Pixar-Verhältnisse relativ humorarmer 3D-Animationsfilm, der tief in die mexikanische Folklore eintaucht und eine zu vorhersehbare Story mit guter Musik, interessanten Figuren und ganz viel Herz wettmacht.

Wertung: 8 Punkte.


Vorfilm:
OLAF TAUT AUF (3D, 2017):

Originaltitel: Olaf's Frozen Adventure
Regie: Kevin Deters und Stevie Wermers, Drehbuch: Jac Schaeffer, Musik: Christophe Beck und Jeff Morrow.
Sprecher der Originalfassung: Josh Gad, Idina Menzel, Kristen Bell, Jonathan Groff
FSK: 0, Dauer: 22 Minuten.

Disneys neuer "Die Eiskönigin"-Kurzfilm, der vor "Coco" zu sehen ist, sorgte von Anfang an für Furore – allerdings nicht wirklich im positiven Sinne. Vielmehr waren vor allem in Amerika so viele Zuschauer verärgert, daß Disney nach ein paar Wochen sogar beschloß, "Olaf taut auf" nicht länger zu zeigen. Vor allem drei Gründe für den Unmut der Kinogänger gibt es: Erstens waren offenbar einige ganz besonders leidenschaftliche Pixar-Fans verärgert, daß es nicht – wie sonst üblich – einen Pixar-Vorfilm gab, sondern einen vom Mutterkonzern Disney; zweitens strapaziert die in der Tat bemerkenswerte Länge von 22 Minuten die Geduld vieler Zuschauer; und drittens mißfällt wohl etlichen Besuchern die Kombination der weihnachtlichen "Olaf taut auf"-Thematik mit der "Tag der Toten"-Geschichte von "Coco". In Europa, wo "Coco" einige Wochen näher an Weihnachten in die Kinos kam, war Letzteres kein großes Problem, speziell die Länge sorgte aber zumindest vereinzelt für Verärgerung.
Das ist bedauerlich, denn "Olaf taut auf" ist in meinen Augen ein ausgesprochen gelungener Kurzfilm (den ich wie "Coco" in der Originalfassung sah, zur Synchronfassung kann ich also nichts schreiben). Zugegeben, der recht konventionelle "Olaf taut auf" ist bei weitem nicht so kunstvoll gemacht wie manche Pixar-Vorfilme, dafür macht er einem bekennenden Weihnachts-Fan wie mir richtig Spaß. Die pannenreichen Erlebnisse des liebenswerten Schneemanns Olaf (im Original: Josh Gad, in der Synchronfassung: Hape Kerkeling), der unter den Einwohnern von Arendelle Weihnachtsbräuche zusammenträgt, damit die Königin Elsa und ihre Schwester Anna – die wegen Elsas Zauberkräften als Kinder nie eine eigene Feiertagstradition entwickeln konnten – sich die beste davon aussuchen können, sind zwar nicht gerade OSCAR-verdächtig gut geschrieben. Aber dafür sind sie umso unterhaltsamer und amüsanter mit etlichen richtig guten Gags und Slapstick-Einlagen sowie gleich vier neuen, diesmal von Elyssa Samsel und Kate Anderson geschriebenen Songs, von denen zwar keiner deutlich herausragt, die jedoch allesamt Laune machen.

Fazit: Man mag darüber streiten, ob die Plazierung eines dermaßen langen Kurzfilms vor einem abendfüllenden Animationsfilm die beste Entscheidung war, aber für sich genommen erzählt "Olaf taut auf" eine zwar wenig anspruchsvolle, dafür aber umso unterhaltsamere Geschichte, die gekonnt schönste Weihnachtsstimmung verbreitet.

Wertung: 8,5 Punkte.


Kommentare:

  1. Bei COCO bin ich ganz deiner Meinung. Ich kam zu einer ähnlichen Wertung, auch wenn ich etwas kritischer an die Sache heranging.

    Bei OLAF TAUT AUF sieht das aber anders aus. Der gefiel mir so gar nicht, weil er auch absolut nichts Neues zu erzählen hat. Es ist halt der tollpatschige Olaf, der den beiden Schwestern helfen will. Dieses Grundkonzept ist im Grunde der Subplot zu FROZEN. Ich fand die 20 Minuten zu anstrengend.

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    1. So ähnlich ging es mir beim letzten "Eiskönigin"-Kurzfilm "Partyfieber" - "Olaf taut auf" hat bei mir dagegen einfach den richtigen Nerv getroffen, vermutlich forciert durch die Weihnachtsthematik und meine (damalige) Weihnachtsstimmung. ;-) Außerdem glaube ich wirklich, daß auch die Frage "Original- oder Synchronfassung" eine wichtige Rolle spielt. Ich habe mir "Olaf taut auf" ein paar Wochen später auf Deutsch bei RTL angeschaut und da gefiel er mir nicht mehr so gut - vor allem Hape Kerkeling finde ich im Vergleich zu Josh Gad im Original nicht so richtig passend besetzt ...

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